Wer den Alltag in den stationären Erziehungshilfen kennt, weiß wie trubelig und chaotisch es dort zugeht. Als Pädagoge betreut man eine Vielzahl von Kindern und Jugendlichen, die starke psychische Belastungen aufweisen, sich teilweise nur schwer an Regeln halten und untereinander eine Gruppendynamik mit oftmals heftigen Konflikten produzieren. Sageder et al. (Sageder et al. 1993: 321) schildern diese dynamische Arbeitssituation in Wohngruppen sehr treffend in der folgenden Szene:
„‚Ich geh hin!‘ schreit die 9jährige Sabine und stürm zum Telefon. Sie wartet schon den ganzen Tag auf einen Anruf ihres Vaters. Rudi, 15 Jahre alt, ist jedoch schneller und hebt vor ihr ab: ‚Wohngemeinschaft, Rudi, wer spricht? – Für Dich.‘ Er gibt mir den Hörer, doch ich verstehe kein Wort, da sich Sabine lautstark bei mir beklagt, wie gemein Rudi doch sei. Ich sage: ‚Sei doch bitte einen Moment lang leise, ich verstehe kein Wort!‘ Sabine hingegen scheint dies überhaupt nicht zu beeindrucken, sie fährt fort: ‚Das ist so ein Arschloch, das macht er immer so, er traut sich ja nur auf Kleine, tu‘ gefälligst was dagegen!‘ Mein Ärger wächst, ich halte den Hörer zu und schreie beinahe, um mich angesichts dieses Tumults überhaupt bemerkbar zu machen: ‚Jetzt haltet gefälligst endlich den Mund, ich telefoniere!!!‘ Vergeblich. Rudi beginnt die Szene nun offensichtlich Spaß zu machen, denn er fängt an, Sabine zu necken: ‚Sei gefälligst leise, siehst du nicht, daß der Michi telefonieren will?‘ Dabei schubst er Sabine zwar leicht, dafür aber kontinuierlich zur Seit. ‚Laß mich!!!‘ brüllt nun Sabine, außer sich vor Wut, und ich muß erkennen, daß ich mit meinem Vorhaben, das Telefonat in Ruhe zu Ende zu führen, derzeit keine Chance habe. ‚Tut mir leid, rufen Sie später wieder an!‘ Ich lege auf.
Rudi, der geahnt hat, daß es für ihn jetzt unangenehm werden könnte, hat sich blitzschnell aus dem Staub gemacht. Ich wende mich Sabine zu, die nun vor mir steht, die Hände in die Hüfte gestützt, und mich ankeift: ‚Du telefonierst ja dauernd tust überhaupt nichts für uns.!‘ Sie schreit nun mich an, als wäre ich der Auslöser ihrer ohnmächtigen Wut. Dadurch verstärkt sich mein Ärger über das unterbrochene Telefonat abermals und auch ich fühle mich ohnmächtig und wütend. Einen Bruchteil von Sekunden lang habe ich das Bedürfnis, meinem Ärger Luft zu machen und ihr schreiend vorzuwerfen, was sie sich eigentlich einbilde, doch gleichzeitig schießt mir blitzschnell ihre Vergangenheit durch den Kopf. Allmählich wird es mir möglich, Sabines Verhalten zu verstehen.
Meine Wut klingt langsam ab, und ich kann ihre Gefühle ansprechen: ‚Du bist wohl traurig, daß dein Papa noch immer nicht angerufen hat. Und es ärgert dich auch, hmm?‘ Ich nehme die Neunjährige in den Arm und spüre, wie sich auch ihre körperliche Verkrampfung zu lösen beginnt. Sie kann ihre Traurigkeit ein wenig zeigen und ihre Wut, die eigentlich der Unzuverlässigkeit des Vaters gilt, auch verbalisieren: ‚Vorige Woche hat er auch versprochen, mich anzurufen, und jetzt ruft er schon wieder nicht an.‘ Da sie sich offensichtlich verstanden, angenommen und gehalten fühlt, kann sie nun auf ihr Gezeter und Gekeife verzichten und ihre ursprünglichen Gefühle der Trauer und Hilflosigkeit deutlich spüren. In der Folge ist es nun auch möglich, Sabine meinen Ärger über das unterbrochene Telefonat mitzuteilen und ihr klarzumachen, daß es für mich äußerst unangenehm ist, auf diese Weise beim Telefonieren unterbrochen zu werden.“
In dieser pädagogischen Szene überlagern sich drei zentrale Aufgabenbereiche des pädagogischen Alltags in Wohngruppen – Büroarbeit, individuelle Versorgung eines Kindes und ein Peer-Konflikt – zu einer hochdynamischen Konfliktszene. Dem Pädagogen gelingt es dabei auf bemerkenswerte Weise die Ruhe zu bewahren und den Konflikt zu eskalieren. Er entschließt sich dazu das Telefonat zu beenden, was dazu führt, dass der stänkernd-provozierende Jugendliche das Weite sucht. Zurück bleibt die neunjährige Sabine, der sich der Pädagoge anschließend emotional zuwendet. Ihm gelingt dabei etwas, dass unheimlich schwierig und hochgradig unwahrscheinlich ist: der Pädagoge erinnert sich „blitzschnell“ an biografische Erfahrungen des Mädchens. Diese Erinnerung eröffnet ihm einen verstehenden Zugang zum Verhalten des Mädchens, über den er zugleich seine Wut reguliert und in Zuwendung und Anteilnahme transformiert. In dem er die Enttäuschung des Mädchens artikuliert, hilft er dem Mädchen ihre Gefühle stellvertretend zu verstehen und emotional zu verdauen, sodass die wütende Hypererregung des Mädchens abklingt und ihre Traurigkeit zum Vorschein kommt, die durch Trösten versorgt wird.
Diese Szene veranschaulicht eindrücklich wie anspruchsvoll der Arbeitsalltag in Wohngruppen für Pädagogen ausgestaltet ist und wie man in komplexen Handlungssituationen professionell agiert. Zugleich sind insbesondere situative Fehler unvermeidlich, die aber nachträglich korrigiert werden können.
Vor einiger Zeit ist mir ein solcher Fehler bei meiner Arbeit unterlaufen. Am Abend ging es sehr dynamisch zu. Zwei junge Menschen schaukelten sich gegenseitig hoch und gerieten in Streit. Weil es schon spät war und eigentlich unter der Woche ab 21.30 Uhr Zimmerruhe herrscht, schaltete ich mich ein. Die beiden Jungen verbündeten sich nun gegen mich. Einer der beiden provozierte mich enorm und beleidigte mich, während er sich weigerte sein Handy abzugeben. Dies amüsierte den anderen, der mich nun auch anfing zu beleidigen. Ich spürte, wie der Ärger in mir wuchs, während ich aufgrund eines anstrengenden Tages bereits sehr müde war. Mein Ärger wuchs weiter und irgendwann hatte ich von den Diskussionen um die Handyabgabe genug und entschloss mich einfach das Internet abzustellen. Während das Internet unter der Woche üblicherweise erst um 22.30 Uhr ausgestellt wird, rechtfertigte ich meine Maßnahme innerlich damit, dass 45 Minuten weniger Internet die psychische Gesundheit und die Schlafhygiene fördern.
Es dauerte keine zwei Minuten, dass ein anderer Junge zu mir kam und sich lautstark beschwerte, was mir einfiele, dass Internet frühzeitig auszuschalten. Ich fühlte mich ein wenig ertappt und ärgerte mich zugleich, dass ich den Konflikt mit den anderen beiden Jungen nicht vergrößert hatte. Immerhin eskalierte der Konflikt mit dem weiteren Jungen nicht. Trotzdem begriff ich sofort, dass ich einen Fehler begangen hatte, indem ich einen Unbeteiligten für das Fehlverhalten eines Anderen bestrafte. Ich zog für mich für einen kurzen Augenblick zurück, atmete ein paar Mal tief ein und aus. Dann ging ich zu den beiden Jungen, ließ mir das Handy geben und brachte beide ins Bett. Anschließend ging ich noch zu dem dritten Jungen, entschuldigte mich ihn ungerechtfertigt, mitbestraft und um seine Medienzeit gebracht zu haben Ich stellte das Internet wieder an. Der Junge konnte meine Beweggründe (Ärger und Überforderung) nachvollziehen und nahm meine Entschuldigung an.
In der praktischen Realität dieses dynamischen Alltags ist es für Pädagogen nahezu unmöglich, sich jederzeit vollumfassend zu regulieren. Situative Fehler sind unausweichlich und unvermeidbar. Fehler sind jedoch korrigierbar. Als Pädagogen können wir den jungen Menschen in diesen Momenten zeigen, dass es normal ist situativ Grenzen zu geraten und ihnen vorleben, wie man gesichtswahrend Konflikte beilegt und Einigkeit wiedergewinnt.
Literatur