Wenn die unerträgliche Schwere in der Beratung Wut produziert – ein situativer Fehler (3)

Herr Müller und ich lernen uns im Rahmen meiner Jobcoachingtätigkeit kennen. Im Rahmen des Coachings soll ich Herrn Müller dabei unterstützen eine Arbeit zu finden. Der Rahmen des Coachings sind insgesamt zehn Sitzungen á 90 Minuten über einen Zeitraum von zwei Monaten, in denen wir gemeinsam Herrn Müllers berufliche Interessen und Kompetenzen ergründen, nach geeigneten Arbeitsfeldern suchen, eine Bewerbungsstrategie erarbeiten und seine Bewerbungsunterlagen entsprechend gestalten. Die individuellen Coachingsitzungen dienen zudem dazu, psychosoziale Belastungen und körperliche Einschränkungen der Klienten einzuschätzen, emotionale Unterstützung anzubieten und je nach Bedarf weitergehende Hilfemöglichkeiten zu organisieren.

In den ersten Coachingsitzungen rede ich mit Herrn Müller vor allem über seine bisherigen beruflichen Erfahrungen und erstelle mit ihm einen Lebenslauf, in dem wir seine beruflichen Kompetenzen sehr präzise erarbeiten. Zu den Terminen mit mir erscheint Herr Müller immer äußerst pünktlich, oftmals auf die Minute genau. In unseren Sitzungen hört er sehr genau zu, macht sich Notizen und erledigt vereinbarte Arbeitsaufträge zuverlässig. Zugleich fällt mir in diesen ersten Sitzungen auf, dass Herr Müller oftmals sehr angespannt ist und äußerst niedergeschlagen wirkt. Seine Stimme ist, wenn er redet, äußerst monoton und auf mit Freude und Wertschätzung vorgetragene Ermutigungen und Betonungen seiner Kompetenzen reagiert er ohne jegliche äußere emotionale Regung. Herr Müller wirkt auf mich äußerst depressiv und nur wenig schwingungsfähig in unseren gemeinsamen Coachingsitzungen. Auf Nachfrage berichtet er, dass er unter starken Depressionen leide, Medikamente nehme und eine Psychotherapie mache.

Wir verständigen uns darauf, dass ich Herrn Müller bei jeder Sitzung am Anfang und Ende sein Wohlbefinden auf einer Skala von 1 (kein Wohlbefinden) und 10 (maximales Wohlbefinden) einschätzen lasse. In der Regel gibt er eine 2-3 als Wert an. Sein Wohlbefinden ist demnach durchgehend äußerst gering. Die Coachingsitzungen mit Herrn Müller sind für mich oftmals zäh und emotional belastend. Wenn Herr Müller den Raum betritt, dauert es in der Regel nur wenige Minuten, bis ich mich bei dem Gedanken ertappe selbst niedergeschlagen zu sein. Manchmal habe ich wenige Minuten nach Beginn einer Coachingsitzung das Gefühl, als wäre jegliche Freude und Lebensenergie verschwunden, sodass der Beratungsraum von einer Atmosphäre der angespannten Deprimiertheit und Niedergeschlagenheit vollständig eingenommen ist.

In dieser emotionalen Atmosphäre schreiten die Coachingsitzungen voran, während Herr Müller immer pünktlich erscheint und seine Aufgaben erledigt. Während ich dabei oft das Gefühl habe diese Atmosphäre kaum auszuhalten, kommt in mir innerlich immer häufiger Wut auf. Am Ende einer der letzten Sitzungen wird meine Wut schließlich so groß, dass ich mit einer guten Portion Ärger in der Brust sage: „Herr Müller, seit zwei Monaten kommen sie jetzt hierher und sitzen wie ein Häufchen Elend vor mir. Wie soll das weitergehen? Was wollen Sie dagegen eigentlich tun, damit es immer besser wird?“ Herr Müller schaut mich mit halb gesenktem Kopf an und antwortet mit gedämpfter Stimme: „Ich weiß auch nicht. Ich mache doch alles, was ich soll. Ich nehme alle Termine wahr, komme pünktlich her und erledige meine Aufgaben. Was soll ich denn sonst noch machen?“ Während er antwortet, ist mir ein geäußerter Ärger etwas unangenehm und ich ärgere mich über mich selbst, dass ich Herr Müllers Zuverlässigkeit bei der Terminwahrnehmung für selbstverständlich genommen habe. Ich sage: „Ich weiß es auch nicht. Auf jeden Fall ist es richtig gut, dass sie die Termine wahrnehmen und ihre Aufgaben erledigen.“ Dann ist die Stunde beendet und wir verabschieden uns.

Nach der Stunde bleibe ich zurück und denke lange über die Situation nach. Ich frage mich, wie Herr Mülller eigentlich seine Niedergeschlagenheit und sein niedriges Lebensgefühl Tag für Tag erträgt und es trotzdem schafft jeden Tag aufzustehen und seine Termine wahrzunehmen. Zudem überlege ich, inwiefern nicht auch in Herr Müller eine Wut über das Gefängnis seiner Depression existieren muss. Bei meinem Nachdenken kommt mir der Gedanke in den Sinn, dass es ein großes Anzeichen von Widerstandskraft und Lebensenergie darstellt, dass Herr Müller trotz seiner Verfassung seine alltäglichen Lebensaufgaben bewältigt. Sein zuverlässiges und bedingungsloses Engagement verdient ausdrücklich Anerkennung, die ich zum Abschluss des Coachings in unserer letzten Sitzung ausdrücklich formulieren will.

Mit diesem Gedanken gehe ich in unsere letzte Sitzung. Ich drücke gegenüber Herrn Müller meine Anerkennung für seine Leistungen im Coaching aus. Wir gehen seine Unterlagen durch und fassen die zentralen Punkte seiner Bewerbungsstrategie gemeinsam zusammen. Zugleich nehme ich nochmal eine andere biografische Spur auf. In einer der Sitzungen hatte er mir von seiner Ex-Frau und seiner Tochter erzählt, die er nur unregelmäßig sehe. Ich frage ihn deshalb ausführlich nach seiner Tochter. Er berichtet, dass er sie hin und wieder mit seiner Ex-Frau sehe und man gemeinsam einen Spielplatz besuche. Ich lasse mir ausführlich von Herrn Müller beschreiben, was und wie er mit seiner Tochter spielt. Während seiner Schilderungen fällt mir auf, dass sich Herrn Müllers Gesichtszüge lockern, er lebendig erzählt, mich sogar ansieht und dabei förmlich strahlt.

Ich frage ihn: „Wie ist denn ihr Wohlbefinden, wenn sie mit ihrer Tochter sind?“

Er antwortet: „10.“

Ich sage: „Das ist ja bemerkenswert. Wenn sie mit ihrer Tochter Zeit verbringen, geht es ihnen also sehr gut.“

Er: „Ja.“

Ich: „Und wieso sehen sie ihre Tochter dann nicht öfter?“

Er: „Meine Ex-Frau lässt mich nicht.“

Aufgrund der wenig verbleibenden Zeit in unserer letzten Sitzung entschließe ich mich zu einer eher direkten Abschlussintervention:

Ich sage: „Ich könnte mir vorstellen, dass sie das auch wütend macht, wenn sie ihrer Tochter, die sie lieben, nicht sehen häufiger sehen dürfen. Wenn sie ihr Wohlbefinden steigern wollen, lohnt es sich gegenüber ihrer Ex-Frau mehr Kontaktzeiten mit ihrer Tochter einzufordern.“

Mit diesen Worten beende ich unsere letzte Sitzung und verabschiede Herrn Müller.

Aus heutiger Sicht kommt mir diese Sitzung wie ein Schlüsselereignis im Hilfeprozess vor. Der mögliche Zusammenhang zwischen Depression, unterdrückter Wut und Lebensenergie zeigte sich wie in einem Brennglas in dieser familiären Beziehungskonstellation von Herrn Müller. Ich weiß nicht, inwiefern dieses Thema seiner Psychotherapie bearbeitet wurde. Mir schien im Nachhinein, dass dies ein äußerst wichtiges Thema war, an dem zu arbeiten wirklich gelohnt hätte. Aber so ist das oftmals in der Beratung und Therapie: man kann den Klienten lediglich den Weg zeigen, ihn gehen müssen sie selbst. In Herrn Müllers Fall hat sich die Tür zu einem möglichen Weg vielleicht immerhin einen Spalt geöffnet.

Für mich selbst war der beschriebene situative Fehler ein äußerst wichtiges Lernereignis: psychsozial belastete Klient:Innen leisten in der Regel große innere Anstrengungen und psychische Arbeit, um ihr Leben zu bewältigen. Psychosozial Helfende setzen das hin und wieder selbstverständlich voraus oder übersehen das sogar. Diese Anstrengungen zu würdigen und anzuerkennen ist aber eine wichtige Voraussetzung für mögliche Veränderungsprozesse der Klient:Innen.

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