„Қазақ тілін түсінесіз бе, Лешке мырза?“ („Verstehen Sie kasachisch, Herr Leschke?“) – ein situativer Fehler am Hilfebeginn mit wichtigen Implikationen (2)

Wenn wir als Sozialarbeitende in der Kinder- und Jugendhilfe mit jungen Menschen arbeiten, dann ist es nicht selbstverständlich, wenn die jungen Menschen klare Ziele verfolgen, bei denen wir sie unterstützen sollen. Eingewanderte junge Menschen in Deutschland verfügen oftmals über große Bildungsaspirationen und strengen sich deshalb in der Schule besonders stark an. Manchmal ist das Gute jedoch auch schlecht und hohe Leistungserwartungen können schulischen Erfolgen und persönlicher Weiterentwicklung im Weg stehen. Wenn sich die Deutschkenntnisse etwa nicht zügig entwickeln und die ersehnten Erfolge in der Schule ausbleiben, kann dies zu einer Krise von jungen Menschen führen. Das folgende Fallbeispiel handelt von einer solchen Konstellation.

Aibek ist 16 Jahre alt, als wir uns kennenlernen. Er ist mit seinem Vater aus Kasachstan geflohen und besucht die 10. Klasse einer Oberschule. Aufgrund seiner noch eingeschränkten Deutschkenntnisse hat Aibek das Klassenziel nicht erreicht und soll die 10. Klasse noch einmal wiederholen. Ich werde als Erziehungsbeistand nach §30 SGB VIII angefragt, um Aibeks Selbstvertrauen wieder zu stärken und ihn bei der Bildungs- und Berufsorientierung zu unterstützen. Bei unserem ersten Treffen macht Aibek klar, dass er sich vor allem auch Unterstützung bei Sprachlernförderung und Nachhilfe wünscht. Zu unserem ersten persönlichen Treffen verabreden wir uns deshalb in einer Bibliothek. Wir gehen verschiedene Lernbücher und Arbeitshefte zum Deutschunterricht durch und machen ein paar Übungen. In einer Szene lesen wir einen längeren Text und ich übersetze Aibek verschiedene Wörter. Dabei muss ich ihm bestimmte Wörter mehrfach, ja immer und immer wieder erklären. Die Arbeit und der gemeinsame Austausch sind mühsam und kleinteilig, was mich zunehmend etwas ungeduldig macht. Wir machen kaum Fortschritte und scheinen uns im Kreis zu drehen. Auch Aibek scheint meine Ungeduld zu spüren und wirkt angespannt. Nach einiger Zeit sagt er plötzlich mit einem deutlich verärgerten, aggressiven Ton: „Қазақ тілін түсінесіз бе, Лешке мырза?“. Ich verstehe kein Wort und gucke ihn mit großen Augen an. Er wiederholt: „Қазақ тілін түсінесіз бе, Лешке мырза?“ Ich verstehe immer noch nicht und blicke ihn hilflos an. Er wiederholt ein drittes Mal: „Қазақ тілін түсінесіз бе, Лешке мырза?“ Ich bin nun auch etwas verärgert und frage ihn ungeduldig, was er da sage. Mit einer deutlichen Prise Genugtuung auf seinem Gesicht sagt er: „Ich habe gefragt können Sie Kasachisch. Es ist schwer, wenn man nichts versteht oder?“

Auf den ersten Blick wirkt diese Szene banal. Ich war in der Situation damals zwar verdutzt, aber es fiel mir nicht schwer mich bei Aibek sofort zu entschuldigen. Ich entschuldigte mich dafür, dass ich unabsichtlich Druck aufgebaut und ihn überfordert hatte. Aibek nahm meine Entschuldigung an. Auch war dieser kleine Konflikt eine gute Gelegenheit unsere Zusammenarbeit zu konkretisieren und uns dazu zu verabreden, dass wir keine Nachhilfe machen, aber in Rücksprache mit Aibeks Bedürfnissen kleine Aufgaben festlegen würden, die er bearbeitet und mit mir entspannt bespricht. Wenn ich heute nochmal über den beschriebenen Konflikt in der Bibliothek nachdenke, fällt mir auf, dass in dieser kleinen Szene bereits die zentralen Themen des weiteren Hilfeverlaufs enthalten waren. Im Rahmen von intensiver Biografiearbeit wurde später deutlich, dass Aibeks sehr große Erwartungen an seinen Bildungserfolg hatte, die sich aus (subjektiv von ihm so erlebten) Bildungserwartungen der Familie speisten. Er wollte unbedingt Medizin studieren und Arzt werden und hielt an dieser Idee unnachgiebig fest, obwohl die Diskrepanz zwischen seinem damaligen Sprach- und Leistungsniveau und den schulischen Anforderungen für ein Abitur riesig waren. Im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass der Konflikt in der Bibliothek als Szene einer Übertragung-Gegenübertragungsdynamik gedeutet werden kann: meine harte, unnachgiebig-fordernde Lehrerattitüde in der Bibliothek kann als komplementäre Gegenübertragungsreaktion auf Aibeks innere Unnachgiebigkeit und Härte gelesen werden, mit der er zwanghaft am Ideal des größtmöglichen Bildungserfolges festhielt, obwohl ihn das Scheitern an diesem Ideal angesichts seines damaligen schulischen Misserfolgs emotional massiv belastete und blockierte. Unbewusst agierte ich damit in der Rolle jener unerbittlichen Motive in Aibek, die ihn antrieben Leistungen zu erwarten für die ihm die sprachlichen Voraussetzungen noch fehlten. Das wichtige an dieser Szene war jedoch das Aibek sich eben auch gegen diese unerbittliche, strenge Leistungsinstanz wehrte, die zu werden er mir unbewusst angeboten hatte. In dem er mich wiederholend kasachisch ansprach ließ er mich die Ohnmacht und Hilflosigkeit spüren, die er in der Bibliothek und während des gesamten Schuljahres erlebt hatte. Sein innerer Kampf zwischen Leistungsfantasien und erlebter Ohnmacht wurde auf der Bühne zwischen uns inszeniert und ich konnte ihm zeigen, dass Ohnmacht überwunden und in die konstruktive Suche nach konkreten Lösungen überführt werden kann.  

Im weiteren Hilfeverlauf konnte sich Aibek erst nach vielen Beratungsbesprächen mühsam von der fixen, idealisierten Idee der Medizin lösen und die nächsten notwendigen Schritte seines Bildungsweges mit mir besprechen und planen. Es brauchte Zeit, bis er emotional akzeptieren konnte, dass die Wiederholung des Schuljahres und der anschließende Beginn einer Berufsausbildung zum Krankenpfleger ihm seinem Ziel Arzt zu werden näherbringen würden. Als Aibek dies verstanden hatte und sich auf diesen Weg einließ, marschierte er unaufhaltsam los. Er fuhr ein Jahr lang jeden Tag insgesamt drei Stunden zur Schule und wieder zurück, wiederholte erfolgreich die zehnte Klasse, machte ein Praktikum in einem großen Krankenhaus und begann danach dort seine Ausbildung zum Krankenpfleger.

Unsere Wege haben sich danach getrennt und ich weiß nicht, wie es für Aibek beruflich weiter ging. In jedem Fall führt dieses Fallbeispiel zum einen vor Augen, dass kleine Fehler und Konflikte mit Klienten ganz normal sind. Kleine Fehler können schnell geschehen und genauso schnell korrigiert werden. Dies fördert eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und ein starkes Arbeitsbündnis.  Zum anderen wird deutlich, dass Fehler, Konflikte und Störungen am Beginn von Hilfen Schlüsselmomente sind, in denen sich psychische und beziehungsbezogene Dynamiken verbergen, die wichtige Informationen für das Fallverstehen liefern. Als psychosoziale Helfer ist es wichtig im Blick zu haben, dass wir die psychischen Anstrengungen und Bemühungen unserer Klienten hin und wieder übersehen können, wenn wir bestimmte Aspekte gelingender Lebensbewältigung selbstverständlich voraussetzen. Davon handelt die nächste Fehlererzählung.

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