Aus Fehlern in der Fallarbeit lernen (1)

Wer in helfenden Arbeitskontexten fallbezogen mit unterstützungsbedürftigen Menschen arbeitet, macht Fehler. Die Reflexion und das Nachdenken über diese Fehler sind wichtige Gelegenheiten die eigene professionelle Praxis weiterzuentwickeln. Deshalb werde ich hier über Fehler berichten, die mir als Sozialpädagoge in der Beratung und Begleitung von Kindern, Jugendlichen und Eltern unterlaufen sind.

In Fachbeiträgen und öffentlichen Fachdebatten auf Plattformen wie LinkedIn wird zwar viel über die Bedeutung von Fehlern und den Umgang mit ihnen geschrieben und gesprochen. Unter Begriffen wie Fehleroffenheit, Fehlertoleranz und Fehlerkultur findet eine semantische Auseinandersetzung mit Fehlern statt, die eine konstruktive und reflexive Auseinandersetzung mit Fehlern beschwört. Unzählige Organisationsberater, Coaches und Führungskräfte betonen die Wichtigkeit einer offenen Fehlerkultur in Unternehmen und Organisationen. Dieses Werben für Fehleroffenheit verbleibt oftmals nur auf einer rhetorischen Ebene, während über konkrete Fehler, ihre Aufarbeitung und Folgen sowie die sie auslösenden Lernprozesse fast nie gesprochen wird. Es ist ein wenig paradox, aber es scheint einfach über Fehleroffenheit zu reden, aber schwierig über echte Fehler zu sprechen.

Mein eigenes professionelles Handlungsfeld die fallbezogene Kinder- und Jugendhilfe ist ein Tätigkeitsfeld, in dem man ständig Fehler macht, ob man sich dessen bewusst ist oder nicht. Das liegt daran, dass in die Arbeit mit hilfebedürftigen Menschen handlungslogische Widersprüche und Paradoxien eingewoben sind, die von professionellen Helfern abgewogen, balanciert und gehandhabt werden müssen (Schütze 1992, 1996). Dabei stellen sich spannungsreichen Fragen wie: Wieviel emotionales Verständnis ist hilfreich für die Entwicklung eines Kindes und wo beginnt Nähe in hemmendes Mitleid umzuschlagen? Wie lange kann ein problematischer Fallverlauf getragen werden und wann ist zu intervenieren? Wie lange soll Begleitung als Hilfe zur Selbsthilfe geleistet werden und wo beginnt dauerhafte Abhängigkeit von Hilfe? Wie lange sind Entwicklungsrisiken zum Zwecke der Veränderungsarbeit hinzunehmen und wo beginnt eine manifeste Gefährdung?

Schütze (Schütze 2021: 246 ) unterscheidet vier Arten von Fehlern des professionellen Handelns:

  1. Systematische Fehler durch vereinseitigende Auflösung der beschriebenen Handlungsparadoxien entstehen, wenn beispielsweise die produktive und entwicklungsförderliche Spannung von emotionalem Verstehen und kritischen Nachfragen gegenüber Klienten in einseitiges Mitgefühl ohne analytische Distanz zerfällt.
  2. Systematische Fehler durch kollektives Nicht-Wissen sind Folge mangelhafter Fachkenntnisse der Wissensgemeinschaft der Professionellen. Ein Beispiel hierfür sind die Erkenntnisse der Bindungsforschung, die körperliche und emotionale Sicherheit und Geborgenheit als zentrale  Bedürfnisse von Säuglingen und Kleinkindern bekanntmachte und damit die moderne Fremdbetreuung in Kindertagesstätten und Heimen revolutionierte.
  3. Situativ-kasuelle Fehler, die sogenannten Kunstfehler, treten als Folge von fehlender Umsicht, Stress, Müdigkeit oder anderen situativen Kontextfaktoren auf. Ein Beispiel wäre ein Sozialarbeitender der in seinem Nachtdienst aufgrund von Müdigkeit auf das provokative Verhalten eines Jugendlichen unnötig harsch und laut statt feinfühlig reagiert.
  4. Systematisch-persönliche Fehler durch Mangel an Wissen oder gar Hochstapelei sind Fehler, die sich aus den Persönlichkeitsmerkmalen einzelner Professioneller ergeben.  

Professionelles Handeln in Pädagogik und Sozialer Arbeit erweist seine Professionalität neben der fallbezogenen Anwendung von wissenschaftlichem Wissen und der interaktiven Herstellung eines vertrauensbasierten Arbeitsbündnisses vor allem im reflexiven Umgang mit dem Scheitern (Oevermann 2008: 64). Wenn es zu ernsthaften Konflikten mit Klienten kommt, Kooperation misslingt, Veränderungsprozesse stocken oder sich Fallentwicklungen verschlimmern, zeigt sich Professionalität in der Aktualisierung einer „reflexiven Fehlersensibilität“ (Helsper 2021: 56), die das eigene Vorgehen kritisch hinterfragt und nach alternativen Lösungswegen sucht.

Die Darstellung und Reflexion kleiner und großer Fehler in der eigenen Fallarbeit kann Pädagogische Fachkräfte dazu anregen sich mit Fehlern in der eigenen beruflichen Praxis auseinanderzusetzen und zur persönlichen und fachlichen Weiterentwicklung zu nutzen. Wo wir als Pädagogen Fehler gegenüber jungen Menschen eingestehen, fungieren wir als Vorbilder, die vorleben, dass Fehler vor allem Lernanlässe sind. Erkannte und korrigierte Fehler bilden zudem Schlüsselmomente, um schwierige Fallkonstellationen in positive Entwicklungen zu überführen. Im nächsten Blogbeitrag wird dies anhand eines Fallbeispiels vorgeführt.

Literatur

Helsper, Werner (2021): Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns: eine Einführung. Stuttgart, Opladen, Toronto: UTB; Verlag Barbara Budrich (utb Pädagogik, 5460). Online verfügbar unter https://elibrary.utb.de/doi/book/10.36198/9783838554600.

Oevermann, Ulrich (2008): Profession contra Organisation? Strukturtheoretische Perspektiven zum Verhältnis von Organisation und Profession in der Schule. In: Werner Helsper, Susann Busse, Merle Hummrich und Rolf-Torsten Kramer (Hg.): Pädagogische Professionalität in Organisationen. Neue Verhältnisbestimmungen am Beispiel der Schule. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden (Studien zur Schul- und Bildungsforschung, 23), S. 55–78.

Schütze, Fritz (1992): Sozialarbeit als „bescheidene“ Profession. In: Bernd Dewe (Hg.): Erziehen Als Profession. Zur Logik Professionellen Handelns in Pädagogischen Feldern. Unter Mitarbeit von Wilfried Ferchhoff und Frank-Olaf Radtke. Wiesbaden: VS Verlag fur Sozialwissenschaften GmbH, S. 132–170.

Schütze, Fritz (1996): Organisationszwänge und hoheitsstaatliche Rahmenbedingungen im Sozialwesen: Ihre Auswirkungen auf die Paradoxien des professionellen Handelns. In: Arno Combe und Werner Helsper (Hg.): Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. 9. Auflage 2017. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1230), S. 183–275.

Schütze, Fritz (2021): Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern: Soziale Arbeit. Stuttgart, Opladen, Toronto: UTB; Verlag Barbara Budrich (UTB Soziale Arbeit, 5462). Online verfügbar unter https://elibrary.utb.de/doi/book/10.36198/9783838554624.

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