Teil 8: Zusammenfassung Paradoxien professionellen Handelns in der ION mit Jugendlichen – 7 Grundsätze für die Professionalisierung Sozialpädagogischer Fallarbeit mit Jugendlichen in der ION

  1. Es sind eine individuelle Bedarfsermittlung und Auftragsklärung mit den Jugendlichen zu Beginn und während der ION durchzuführen, um Falltypisierung und Einzelfallorientierung immer wieder zu verschränken.

    Gerade vor dem Hintergrund der oftmals traumatischen Belastungen der Jugendlichen sind individuelle Bedarfe und Absprachen bezüglich Unterstützungs- und Beschäftigungsangeboten sowie Stabilisierungs- und Krisenmaßnahmen vorzunehmen. Maßgabe ist die Förderung von Aktivitäten, die den Alltag erträglicher machen und das Wohlbefinden steigern (Streeck-Fischer und Kruska 2021: 55 ff.). Zu Maßnahmen dieser Art kann gemeinsames Kakaotrinken oder das Bereitstellen der Lieblingsschokolade ebenso zählen wie das Organisieren von Telefongesprächen mit Freunden und Umgängen mit Eltern.

  2. Fortlaufende Beratungsgespräche und Problemanalysen mit den Jugendlichen flankieren den gesamten ION-Verlauf, um allgemeine und spezifische Aspekte des Fallverlaufs im Blick zu behalten.

    Problematische Verhaltensweisen wie Abgängigkeit, Drogenkonsum, gestörter Tag-Nacht-Rhythmus und Straftaten werden gerade durch die peerüblichen Gruppen- und Verführungsdynamiken oftmals verstärkt und können aufgrund ihrer Erwartbarkeit schnell den Charakter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung annehmen. Hier hilft die intensive Fallarbeit an und mit den Jugendlichen unter Verwendung von methodischen Verfahren wie die Verstehende subjektlogische Diagnostik (Baumann 2009), um die individuelle, innere Logik und die Ziele des Verhaltens von Jugendlichen gemeinsam mit diesen zu erschließen.

  3. Um (un)geduldiges Abwarten und akute Interventionswünsche in Krisen zu balancieren, benötigen professionelle Helfer ein Selbstverständnis, dass von Anwaltschaft für die Jugendlichen und dem Ringen um individuelle Arbeitsbündnisse bestimmt ist.

    Diejenigen Jugendlichen, die häufig die größten Krisen und Herausforderungen in ION-Einrichtungen produzieren haben zumeist die größten Belastungen und Problemlagen. So sehr die problematischen Verhaltensweisen einander ähneln mögen, so sehr erleben die Jugendlichen die dahinter liegenden Sorgen, Belastungen und Ängste auf eine jeweils individuelle Weise. Sensibles und feinfühliges Interesse für die konkreten Sorgen der Jugendlichen fördert starke Arbeitsbündnisse, was sowohl der Krisenprävention als auch der konstruktiven Bewältigung akuter Krisen dient.

  4. Grundlegende Wertschätzung und Interesse gegenüber den Sichtweisen der Jugendlichen kennzeichnet das professionelle Handeln, sodass Kritik von Fachkräften die Belastarbeit von Arbeitsbündnissen vertieft.

    Bei der Arbeit mit schwierigen Jugendlichen mögen Sozialarbeitende ganz genau wissen, welche Konsequenzen für Jugendliche bei fehlender Kooperation drohen. Im Kontakt mit den Jugendlichen sollte dieses Wissen jedoch nicht als Drohkulisse verwendet werden, die nur Angst oder gar Trotz der Jugendlichen befördert. Fallarbeit in der Sozialen Arbeit ist zukunftsoffen, nicht-standardisiert und grundlegend koproduktiv angelegt, sodass alle Hilfemaßnahmen nur im Verbund mit den Klienten erfolgen können (Büchner 2015). Die Verwendung des Fach- und Mehrwissens durch die Fachkräfte sollte deshalb mit einer Haltung erfolgen, die ernsthaft um die Mitarbeit und Motivation der Jugendlichen ringt.

  5. Zur Förderung von Entscheidungsoffenheit sind Interventionen an den Sichtweisen der Jugendlichen auszurichten und insbesondere nach Krisen fehlertolerante Gesprächsangebote zu unterbreiten.

    Für die Arbeit mit Jugendlichen mit komplexen Problemlagen ist grundlegend zu bedenken, dass Widerspenstigkeit, Eigensinn und Autonomie sowohl jugendspezifische Entwicklungsaufgaben als auch biografisch gewachsene Überlebensstrategien darstellen. Im Zweifel sollten sich Maßnahmen am Eigensinn der Jugendlichen ausrichten, um Eskalationen zu vermeiden. Zugleich sollten nach Eskalationen Gesprächsangebote unterbreitet werden, sodass die Jugendlichen die Erfahrung von Wiedergutmachung nach Fehlern machen können (Baierl 2017: 421 ff.).

  6. Um biografischen Lebensthemen ganzheitlich in die Arbeit einzubeziehen, sind Jugendlichen regelmäßig Gesprächsangebote bzgl. Familie und Freunden zu unterbreiten.

    Alle Jugendlichen, auch und gerade die schwierigsten, sind innerlich und gedanklich häufig mit biografisch-familiären Themen beschäftigt (Cinkl 2021). Beim Zugang zu diesen Themen ist Fingerspitzengefühl seitens der Fachkräfte gefragt. Fragen zu biografisch bedeutsamen Menschen oder gewünschten Kontakten zu Geschwistern oder Eltern tragen zur emotionalen und sozialen Stabilisierung eines Jugendlichen bei (Schirmer und Waldburg 2023: 335 ff.), wenn der Jugendliche dabei entspannt und zugewandt reagiert.

  7. Die Arbeit mit schwer belasteten Jugendlichen im Kontext von langen IONs erfordert ein konsequent individual- und traumapädagogisches Vorgehen, um die Lust und Freude am exemplarischen Vormachen zu erhalten.

    Dieses Vorgehen erfordert von Fachkräften immer wieder enorme Beziehungs-investitionen sowie Fantasie, Kreativität und Flexibilität. In traumapädagogischer Hinsicht geht es darum auch und gerade nach Eskalationen Jugendlichen soziale und materielle Versorgungsangebote durch wertschätzende und emotional fokussierte Dialoge zu machen sowie Stabilisierungsmaßnahmen durch Lebensfreude und Spaß vermittelnde Aktivitäten anzubieten (Gebrande 2021: 165 ff.). Auf diese Weise können Sozialarbeitende auch in kritischsten Fallverläufen handlungsfähig bleiben.

Literaturverzeichnis

Baierl, Martin (2017): Herausforderung Alltag. Praxishandbuch für die pädagogische Arbeit mit psychisch gestörten Jugendlichen. 5., überarbeitete und ergänzte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Online verfügbar unter http://doi.org/10.13109/9783666491665.

Baumann, Menno (2009): Verstehende subjektlogische Diagnostik bei Verhaltensstörungen. Ein Instrumentarium für Verstehensprozesse in pädagogischen Kontexten. Hamburg: tredition.

Büchner, Stefanie (2015): Fehler im System. Die dunkle Seite der Fehlerfokussierung. In: Forum für Kinder und Jugendarbeit (1), S. 22–27.

Cinkl, Stephan (2021): Selbstdeutungen von „Systemsprengern“. In: Daniel Kieslinger, Marc Dressel und Ralph Haar (Hg.): Systemsprenger*innen. Ressourcenorientierte Ansätze zu einer defizitären Begrifflichkeit. 1. Auflage. Freiburg: Lambertus Verlag (Beiträge zur Erziehungshilfe, 49), S. 99–112.

Gebrande, Julia (2021): Traumapädagogik für Kinder, die das System sonst sprengt (oder Traumapädagogik für Systemsprenger*innen). In: Daniel Kieslinger, Marc Dressel und Ralph Haar (Hg.): Systemsprenger*innen. Ressourcenorientierte Ansätze zu einer defizitären Begrifflichkeit. 1. Auflage. Freiburg: Lambertus Verlag (Beiträge zur Erziehungshilfe, 49), S. 159–173.

Schirmer, Claudia; Waldburg, Silke (2023): Die Kette der Feinfühligkeit in der Arbeit mit jungen Kindern im stationären Kontext. Die Diagnose- und Vermittlungsgruppe „Arche Noah“ der Stiftung Ev. Jugendhilfe Menden als Beispiel. In: UJ 75 (7), S. 335–341. DOI: 10.2378/uj2023.art47d.

Streeck-Fischer, Annette; Kruska, Lydia (2021): Wenn der Rahmen stimmt: Was hilft Jugendlichen mit BPS im Alltag und der Psychotherapie? In: Arbeitskreis Therapeutischer Jugendwohngruppen Berlin (Hg.): Das Therapeutische Milieu als Angebot der Jugendhilfe. Band 5 – Krise, Interaktion, Veränderung. Höchberg: ZKS Verlag für psychosoziale Medien, S. 51–60.

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