Inobhutnahme (ION) 2030: Probleme, Herausforderungen und Perspektiven von ION-Einrichtungen vor dem Hintergrund eines kollabierenden Kinder- und Jugendhilfesystems – Beitragsserie Teil 7: Professionelles Handeln zwischen Anleitung vs. Förderung von Unselbstständigkeit

Ein zentraler Widerspruch des professionellen Handelns von Sozialarbeitenden ist, dass ihre Hilfemaßnahmen einerseits Klienten darin unterstützen ihre Lebensprobleme zu bewältigen und andererseits zugleich Gefahr laufen, die Unselbstständigkeit der Klienten zu fördern. Gerade bei Klienten mit komplexen Problemlagen sind Anregung und Ermunterung jedoch häufig der erste Schritt, dass diese sich mit ihren Lebensproblemen auseinandersetzen und diese bearbeiten. Fritz Schütze schreibt dazu:

„Das exemplarische Vormachen im Gesamtbereich des Sozialwesens ist auch deshalb unverzichtbar, weil die betroffenen Klientinnen und Klienten in der Regel so verunsichert sind, daß sie sich zunächst einmal ohne anregende und ermutigende Vorbilder den Durchbruch in der Problembearbeitung und/oder der persönlichen Entwicklung nicht zutrauen.“ (Schütze 1992: 161)

Doch eben dieses Vormachen fördert zugleich die Unselbstständigkeit von Klienten und damit die Verewigung der benötigten Hilfestellun. Man kann sich das an einem einfachen Beispiel klarmachen: zeigt ein Helfer einem bald volljährigen Jugendlichen das Ausfüllen seines ersten Wohngeldantrags zielt dieses Vormachen darauf, dass der Jugendliche es zukünftig selbst macht. Doch der Jugendliche ist womöglich an entscheidenden Stellen unaufmerksam, unmotiviert wegen anderer ihn belastender Probleme oder Unsicherheit im schriftlichen Sprachgebrauch. Die Folge ist, dass der Jugendliche den Antrag anschließend nicht allein ausfüllen können wird. Der Sozialarbeitende wird es ihm nochmals zeigen und ggf. immer neue Wege der Vermittlung dieser Tätigkeit unternehmen. Tragen diese neuen Versuche keine Früchte, entsteht beim Sozialarbeitenden mitunter Frustration, weil die Hilfeangebote und Vermittlungsversuche nicht haften. Das Abhängigkeitsdilemma verkehrt sich mit der Dauer in ein Motivationsdilemma, wenn der Sozialarbeitende vermeintlich keine Erfolge erkennt, dem Jugendlichen Lustlosigkeit zuschreibt und damit dem Jugendlichen die Schuld an seinem Misserfolg gibt.

Gerade die pädagogische Arbeit bei langen Inobhutnahmen von Jugendlichen mit komplexen Hilfebedarfen und vielen vorherigen Maßnahmeabbrüchen ist anfällig für dieses Motivationsdilemma, das in Resignation und Zynismus von Sozialarbeitenden zu kippen droht. In der Regel wird für diese Jugendliche eine neue stationäre Anschlusshilfe gesucht, was wegen der vorherigen Abbrüche und der Tendenz von stationären Angeboten zum ‚Cherrypicking‘ (vgl. IGfH Fachgruppe Inobhutnahme 2022) schwierig ist und mitunter Wochen und Monate dauern kann. Falls die Jugendlichen doch Kennenlernangebote von stationären Einrichtungen erhalten, müssen sie sich Auswahlprozessen stellen. Wiederholte Absagen werden von den Jugendlichen als Zurückweisung und Kränkung erlebt, was die Scheiternserwartungen der Jugendlichen bestätigt und ihre Motivation und Zuversicht sinken lässt (Schmidt et al. 2023). Auf Dauer werden sich die Jugendlichen deshalb immer schwerer auf neue Hilfeversuche einlassen. Ihre Selbstachtung, Würde und Autonomie wahren die Jugendlichen, in dem sie z.B. Termine scheitern lassen, eine ‚Null Bock‘-Haltung demonstrieren oder Fachkräfte völlig ignorieren. Kommen in einer kritischen Hilfephase dieser Art noch Gewalt und Eskalationen durch die Jugendlichen hinzu, entsteht enorme Frustration bis hin zu Ohnmacht und Hilflosigkeit im Helfersystem.

Wie können professionelle Helfer trotz Erfahrungen ständiger Wiederholungen beim exemplarischen Vormachen Zuversicht und Initiative bewahren?

Wenn Kinder und Jugendliche pädagogisch vermeintlich nicht erreichbar sind, gerät pädagogische Praxis an Grenzen. Das pädagogische Handeln mit schwer erreichbaren Klienten hat den dabei den Charakter einer „Protopädagogik“ (Tenorth 2010: 165), insofern das pädagogische Handeln die Beziehungsvoraussetzungen in der Identität des Jugendlichen selber herstellen muss, die eigentlich vorab gegeben sein müssten, um eine pädagogische Arbeitsbeziehung zu entwickeln. Verschreibt sich die sozialarbeiterische Praxis einer konsequent niedrigschwelligen individual- und traumapädagogischen Ausrichtung sind auch die schwierigsten Kinder und Jugendlichen pädagogisch betreubar (Beckmann-Stütz et al. 2023). Hierbei sind niedrigschwellige Angebote zu unterbreiten, die sich an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientieren, um Überforderungen und Eskalationen vorzubeugen und aufzufangen. Auf diese Weise können Sozialarbeitende auch in der Arbeit mit „Systemsprenger:Innen“ handlungsfähig bleiben und Ohnmacht vermeiden (Baumgartner et al. 2021: 270; Rohr 2021: 320).

Literaturverzeichnis

Baumgartner, Frank; Beck, Norbert; Rummel, Petra; Sauerer, Anja; Winterstein, Barbara (2021): Praxisbezogene Weiterentwicklung von Handlungsstrategien im Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit besonders herausfordernden Verhaltensweisen in der Stationären Hilfe zur Erziehung/Eingliederungshilfe in stationärer Form. In: Daniel Kieslinger, Marc Dressel und Ralph Haar (Hg.): Systemsprenger*innen. Ressourcenorientierte Ansätze zu einer defizitären Begrifflichkeit. 1. Auflage. Freiburg: Lambertus Verlag (Beiträge zur Erziehungshilfe, 49), S. 265–279.

Beckmann-Stütz, Sabrina; Eggers, Katharina; Fuhrken, Jesko; Hesselfeld, Jesko (2023): Jedes Kind ist betreubar! PortNord ein innovatives Praxisbeispiel. In: Gunter Groen und Jack Weber (Hg.): Krisenhafte Verläufe in den Erziehungshilfen. Kooperationen, Risikopartnerschaften, Verantwortungsgemeinschaften. Weinheim: Beltz Verlagsgruppe, S. 245–269.

Gebrande, Julia (2021): Traumapädagogik für Kinder, die das System sonst sprengt (oder Traumapädagogik für Systemsprenger*innen). In: Daniel Kieslinger, Marc Dressel und Ralph Haar (Hg.): Systemsprenger*innen. Ressourcenorientierte Ansätze zu einer defizitären Begrifflichkeit. 1. Auflage. Freiburg: Lambertus Verlag (Beiträge zur Erziehungshilfe, 49), S. 159–173.

IGfH Fachgruppe Inobhutnahme (2022): Mangel an Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe wirkt sich dramatisch aus! Das Inobhutnahme-System steht vor dem Kollaps. Die öffentliche Kinder- und Jugendhilfe kann dringende Hilfebedarfe kaum bis gar nicht mehr bedienen. Hg. v. Internationale Gesellschaft für Erzieherische Hilfen (IGfH). Online verfügbar unter https://igfh.de/sites/default/files/2022-12/Positionspapier_Fachkr%C3%A4ftemangel%20und%20aktuelle%20Auswirkungen_FG-Inobhutnahme_IGfH_0.pdf, zuletzt geprüft am 26.02.2023.

Rohr, Jennifer (2021): Arbeit mit Systemsprengern in freiheitsentziehenden Maßnahmen. In: Daniel Kieslinger, Marc Dressel und Ralph Haar (Hg.): Systemsprenger*innen. Ressourcenorientierte Ansätze zu einer defizitären Begrifflichkeit. 1. Auflage. Freiburg: Lambertus Verlag (Beiträge zur Erziehungshilfe, 49), S. 311–321.

Schmidt, Sabrina; Gietz, Lea; Prangenberg, Natalie; Wen, Sebastian (2023): „Also war halt auch immer so ‚Hallo‘ und dann so bald ‚Tschüss‘“ – Perspektiven jugendlicher „Systemsprenger“ auf die eigene Hilfegeschichte. In: GISo 4 (1). DOI: 10.26043/GISo.2023.1.4.

Schütze, Fritz (1992): Sozialarbeit als „bescheidene“ Profession. In: Bernd Dewe (Hg.): Erziehen Als Profession. Zur Logik Professionellen Handelns in Pädagogischen Feldern. Unter Mitarbeit von Wilfried Ferchhoff und Frank-Olaf Radtke. Wiesbaden: VS Verlag fur Sozialwissenschaften GmbH, S. 132–170.

Tenorth, Heinz-Elmar (2010): Bildungsarmut als Herausforderung moderner Allgemeinbildung. In: Sylvia Rahn, Wolfgang Seitter und Randolf Körzel (Hg.): Steuerungsprobleme im Bildungswesen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH Wiesbaden (SpringerLink Bücher), S. 155–173.

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