Bei der Arbeit mit komplexen Fällen und negativen Verlaufskurven stehen Sozialarbeitende vor der Herausforderung Interventionen zu konzipieren, die zur Verringerung der Leidensprobleme ihrer Klienten beitragen und deren Selbsthilfepotenziale aktivieren. Dabei müssen Sozialarbeitende sowohl das aktuelle Problemverhalten mit seinen drängenden Bedarfen als auch die dahinterliegenden biografischen Motive und Wirkmechanismen in den Blick nehmen (Schütze 2021: 247). Diese beiden Analyseperspektiven führen jedoch in der Anwendung zu widersprüchlichen Handlungsorientierungen für die Professionellen. Die Priorisierungen des professionellen Handelns auf konkrete Verhaltensprobleme von Klienten wie Schulabstinenz können durch problemfokussierte Interventionen wie Überredung, Ermunterung, Lob und Anreize bearbeitet werden. Geht der Klient in die Schule, egal wie, war das professionelle Handeln erfolgreich. Eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit der Biografie des Klienten, seinen Krisen- und Leidenserfahrungen und dem Aufbau seiner allgemeinen Leidenskurve erscheinen dem Sozialarbeitenden dann verzichtbar. Die Beschränkung auf äußere Ziele wie Schulbesuch oder Ausbildungsabschluss unter Ausblendung grundlegender biografischer Muster ist jedoch mit einer inadäquaten Erfassung der Fallproblematik verknüpft (Schütze 1992: 159 f.). Äußerlich konformes und erfolgreiches Verhalten von Klienten ist zudem nicht automatisch mit einer positiven psychischen Entwicklung und Identitätsveränderung verbunden (Künstler 2021: 940).
Eine bloß verhaltensorientierte Problemfokussierung gerät gerade bei der Arbeit mit Jugendlichen mit komplexen Hilfebedarfen an Grenzen. Diese Jugendlichen lassen sich nicht einfach lenken und steuern. Das Verhalten dieser Jugendlichen ist vielmehr regelhaft herausfordernd und grenzverletzend und für Fachkräfte oftmals befremdlich, teilweise unerklärlich und vor allem sehr belastend. Dies löst unter Sozialpädagogischen und Psychiatrischen Fachleuten häufig den Reflex aus, sich fachlich nicht zuständig zu erklären und betreffende Jugendliche in einer Spezialeinrichtung unterbringen zu wollen. Gerade in Krisen erklären sich Kinder- und Jugendpsychiatrien und stationäre Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen viel zu häufig wechselseitig für unzuständig, schieben sich gegenseitig Klienten zu und flankieren dies zudem mit reziproken Schuld- und Verantwortungszuschreibungen (Kölch et al. 2021: 235 ff.). Gerade ION-Einrichtungen sind zunehmend mit sehr langen Verweildauern dieser herausfordernden Heranwachsenden konfrontiert. Die professionelle Herausforderung besteht darin, dass diese Jugendlichen für standardisiert-trivialisierende Maßnahmen nach Schema F nicht nur nicht erreichbar sind, sondern diese tendenziell eher bekämpfen. Diese Jugendlichen sprengen jegliche pädagogische Normierungen und Kategorien (wie richtig und falsch, gesund und krank, Regel und Ausnahme) und fordern der Sozialarbeiterischen Praxis individualisierend- einzelfallsensible Handlungsweisen ab.
Wie können sich Fachkräfte in der ION für eine individualisierend-biografische Perspektive auf die umfassende Lebenssituation der Jugendlichen öffnen?
Professionalität drückt sich darin aus Fragen zu stellen. Dies meint einerseits sich selbst als Sozialarbeitenden Fragen zum Fall zu stellen sowie andererseits explizit Fragen mit ernsthaftem Interesse an der besonderen Lebenssituation von Jugendlichen zu formulieren. Jugendliche mit zerrütteten Biografien, vielen Hilfeabbrüchen und komplexen Problemlagen sind im Kontakt mit Fachkräften häufig abweisend und vermeidend. Zugleich zeigen empirische Fallstudien, dass insbesondere herausfordernde Jugendliche, die sogenannten Systemsprenger, innerlich intensiv mit den Themen Familie, Biografie und Körper beschäftigt sind (Cinkl 2021). Ein möglicher Zugang zu Familienthemen können Fragen sein wie: „Wer sind die drei wichtigsten Personen in Deinem Leben?“ „Wem vertraust du zu 100%?“ Man wird mitunter überrascht sein, wie sehr die Augen von einem bisher schwer erreichbaren Jugendlichen zu leuchten beginnen, wenn er plötzlich darüber zu beginnen erzählt, dass er wahnsinnig gerne seine Mutter und seinen Bruder treffen würde. Wo Jugendliche auf diese Themen nicht oder gar abweisend reagieren, ist dies unbedingt zu respektieren. Hier ist eher ein indirekter Zugang zu verfolgen: regelmäßige Termine mit sportlichen Aktivitäten, Spaziergängen oder Autofahrten bieten die Gelegenheit schwierige Themen beiläufig zu besprechen und mit der Zeit einen Raum des Sprechens vorsichtig zu entwickeln (Feuling 2021: 921).
Literaturverzeichnis
Cinkl, Stephan (2021): Selbstdeutungen von „Systemsprengern“. In: Daniel Kieslinger, Marc Dressel und Ralph Haar (Hg.): Systemsprenger*innen. Ressourcenorientierte Ansätze zu einer defizitären Begrifflichkeit. 1. Auflage. Freiburg: Lambertus Verlag (Beiträge zur Erziehungshilfe, 49), S. 99–112.
Feuling, Martin (2021): Gegen den Strom. In: PSYCHE 75 (9-10), S. 902–934. DOI: 10.21706/ps-75-9-902.
Kölch, Michael; Schmid, Marc; Bienioschek, Stefanie (2021): „Systemsprenger*innen“ – Kinder- und jugendpsychiatrische und -psychotherapeutische Perspektive zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie. In: Daniel Kieslinger, Marc Dressel und Ralph Haar (Hg.): Systemsprenger*innen. Ressourcenorientierte Ansätze zu einer defizitären Begrifflichkeit. 1. Auflage. Freiburg: Lambertus Verlag (Beiträge zur Erziehungshilfe, 49), S. 231–250.
Künstler, Sylvia (2021): Soziale Arbeit und Psychoanalyse. In: PSYCHE 75 (9-10), S. 936–958. DOI: 10.21706/ps-75-9-936.
Schütze, Fritz (1992): Sozialarbeit als „bescheidene“ Profession. In: Bernd Dewe (Hg.): Erziehen Als Profession. Zur Logik Professionellen Handelns in Pädagogischen Feldern. Unter Mitarbeit von Wilfried Ferchhoff und Frank-Olaf Radtke. Wiesbaden: VS Verlag fur Sozialwissenschaften GmbH, S. 132–170.
Schütze, Fritz (2021): Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern: Soziale Arbeit. Stuttgart, Opladen, Toronto: UTB; Verlag Barbara Budrich (UTB Soziale Arbeit, 5462). Online verfügbar unter https://elibrary.utb.de/doi/book/10.36198/9783838554624.