Für einen kritischen und differenzierenden Umgang mit Diagnosen in der Kinder- und Jugendhilfe

Vor kurzem war ich auf LinkedIn in eine Diskussion um die Verwendung des Begriffs Systemsprenger involviert. Kritiker des Begriffs führen immer wieder ins Feld, dass der Begriff eine stigmatisierende Wirkung habe und vor allem Betroffene diesen als Fremdzuschreibung zurückweisen würden. Diese einseitige Kritik am Stigmatisierungseffekt des Begriffs erinnert mich stark an die allergische Ablehnung von (psychiatrischen) Diagnosen, die in großen Teilen von herrschafts- und machtkritischen Ansätzen Sozialer Arbeit und Sozialpädagogik gepflegt wird.

Die Tendenz zur oftmals entschiedenen Zurückweisung von vor allem psychiatrischen Diagnosen in Fachdiskursen Sozialer Arbeit ist für mich nicht verständlich. Aus einer professionellen Praxisperspektive plädiere ich aus drei Gründen für einen differenzierenden und nutzenorientierten Umgang mit Diagnosen:

  1. Aus einer gesellschaftskritischen Perspektive sind Diagnosen immer auch Ausdruck des Leidens der Menschen an den sie belastenden und krankmachenden Verhältnissen. Man mag das expertokratische Modell der Psychiatrie ablehnen, weil von ihm selbst eine potentielle Macht über die Menschen ausgeht. Und doch geben psychiatrische Diagnosen immer auch Auskunft über Sorgen und Belastungen, Schwierigkeiten und Verstörungen, Überforderungen und Krisen menschlicher Lebenspraxen, die Unterstützung und Hilfe benötigen. Die hypersensible Zurückweisung psychiatrischer Diagnosen erscheint mir schon deshalb merkwürdig, weil wir in unserem Lebensalltag bei gesundheitlichen Problemen selbstverständlich auf ärztliche Diagnosen und darauf aufbauende erfolgreiche Behandlungen gerne zurückgreifen, die unsere Lebensqualität verbessern. Psychiatrische Diagnosen mögen bei komplexen Problemlagen mit einer gewissen Unschärfe einhergehen, was dazu führt, dass je häufiger ein psychisch komplex belasteter Mensch in Kontakt mit der Psychiatrie gerät, desto mehr Diagnosen vergeben werden. Dieses Problem, dass in der Psychiatrie mit dem Begriff der Komorbidität verhandelt wird, ist beim Umgang mit Diagnosen unbedingt kritisch zu reflektieren. Das muss jedoch nicht bedeuten, den Beitrag psychiatrischer Perspektiven zur Verringerung psychosozialer Leidens- und Krisenerfahrungen grundlegend auszublenden. Anders gesagt: Die Psychiatrie ist nicht harmlos und verfolgt doch zugleich das Anliegen menschliches Leid zu lindern und ein gutes Leben zu ermöglichen. Psychiatrische Diagnosen sind in diesem Sinn eine bedeutsame Informationsquelle über Belastungen und Symptome, die andere psychosoziale Professionen bei der Begleitung ihrer Adressat:Innen nutzen sollten.
  2. In meiner Arbeit mit jungen Menschen und Erwachsenen mit teilweise langen Krankheitsgeschichten ist es für mich selbstverständlich mir erläutern zu lassen, welche Diagnosen und Behandlungen sie erhalten haben und welche Bedeutung dies in ihrer aktuellen Lebenssituation hat. Wenn etwa ein junger Erwachsener in seiner Behandlungsgeschichte die Diagnosen PTBS, Borderline-Persönlichkeitsstörung und ADHS erhalten hat, ist für die Anamnese und Begleitung von großer Wichtigkeit zu wissen, wenn er sich etwa mit der ADHS-Diagnose identifiziert, weil Symptome wie Konzentrationsschwierigkeiten ihre Lebensbewältigung belasten und deshalb aus Überzeugung ADHS-Medikamente einnimmt. Diagnosen sind im Hinblick auf die Selbstbeschreibungen und Selbstdeutungen von Adressat:Innen bezüglich Lebensbelastungen und Bewältigungsstrategien eine wichtige Informationsquelle für die professionelle Arbeit. Dörr plädiert deshalb für ein Diagnostisches Fallverstehen in der Sozialen Arbeit, dass medizinisch-psychiatrische Diagnosen ernst nimmt und zugleich diese in ihrem lebensweltlichen Bedeutungsgehalt konsequent dialogisch mit Adressat:Innen erschließt (Dörr 2017: 177 ff.).
  3. Während Diskriminierungskritiker Diagnosen häufig als stigmatisierend zurückweisen, macht man als Praktiker zudem hin und wieder die Erfahrung das Klienten zu Selbstdiagnosen neigen oder sich Diagnose wünschen. „Ich glaube ich bin depressiv“ oder „Manchmal denke ich, dass ich ADHS habe“, sagen einige Adressat:Innen. Diagnosen wirken für Menschen in belastenden und verunsicherten Lebenslagen oftmals handlungsentlastend und geben Sicherheit. Wenn alles schwierig und überfordernd erscheint, haben die eigenen Lebensprobleme dann immerhin einen Namen. Das gibt ein wenig Orientierung. Einen reflexiv-kreativen Umgang mit Diagnosen und Diagnosewünschen von Klienten wählen beispielsweise Systemische Interventionsperspektiven (Schleiffer 2013), die frühere und neue Diagnosen als potenzielle Verhaltensanweisungen deuten und deshalb viel Zeit für die Selbstdeutungen und das Verstehen der Anliegen von Adressat:Innen aufwenden.

Was nun haben diese Ideen zum reflexiven Umgang mit Diagnosen mit den Debatten und Diskursen um Systemsprenger zu tun? Der Begriff Systemsprenger ist ähnlich Diagnosen durch seine Janusköpfigkeit bestimmt. Im Begriff ist einerseits eine Tendenz zur Stigmatisierung angelegt. Letztlich braucht es gerade einmal ein paar Hilfeabbrüche und schon gilt ein junger Mensch potenziell als Systemsprenger. Diese Diagnose ist wie jede andere Diagnose dann problematisch, wenn Fachkräfte aufgrund dieses Labels zu wissen glauben, mit was für einem jungen Menschen sie es zu tun haben. Statt das bisherige Scheitern von Hilfen zum Anlass zu nehmen, den jungen Menschen mit seinen Sichtweisen zu befragen und ernst zu nehmen, wird mit der Diagnose Systemsprenger dann ein oftmals nicht mehr verrückbares Urteil gefällt. Man kann diese Tendenz besonders in Einrichtungen der Inobhutnahme studieren, in denen die Drehtüreffekte von Hilfeanfängen und Hilfeabbrüchen als wiederholte Inobhutnahmen sichtbar werden. Gerade bei wiederholten Inobhutnahmen von jungen Menschen mit komplexen Hilfebedarfen fällt es Fachkräften häufig schwer ihr bisheriges Urteil im Hinblick auf Ressourcen, Interessen und Weiterentwicklungen des jungen Menschen zu differenzieren. Solche impliziten Negativurteile wirken in schwierigen Hilfeverläufen wie ein Virus, der das ganze Hilfesystem mit Resignation infiziert. Für die Praxis und die konstruktive Hilfegestaltung solcher schwieriger Hilfeverläufe macht es keinen Unterschied, ob man auf den Begriff Systemsprenger verzichtet, wenn beteiligte Fachkräfte „Hoffnungsloser Fall“, „Gestört“ und „Dummes Kind“ oder Ähnliches denken.

Drei Aspekte von Systemsprengungsdynamiken in der Kinder- und Jugendhilfe
Ich halte es im Sinne eines differenzierenden Umgangs mit Diagnosen für wichtig und richtig den Begriff Systemsprenger zu verwenden. Die Forschung zum Systemsprengerphänomen macht dabei aus meiner Sicht auf zwei zentrale Aspekte aufmerksam. Zum einen ist die Zielgruppe dieser jungen Menschen durch besonders hohe psychische Belastungen und Beeinträchtigungen bestimmt, die sich in oftmals multiplen psychiatrischen Diagnosen wie ADHS, Dissozialität, Bindungsstörung, Suchtproblematik, Depression und Angststörungen zeigt (Baumann und Macsenaere 2021: 243 ff.). Zum anderen ist das Systemsprengerphänomen nicht als Persönlichkeitsmerkmal aufzufassen, sondern als negative Interaktionsspirale zwischen schwer belasteten jungen Menschen und Hilfesystemen zu verstehen (Baumann 2021; Bolz et al. 2019). Das heißt, wenn man differenziert von Systemsprengerdynamiken spricht, ist immer zugleich eine wechselseitige Dynamik gedacht, bei der erstens eine psychisch schwer belastete Zielgruppe Belastungen und Destruktivität in Beziehungen zu pädagogischen Fachkräften ausagierend reinszeniert und dabei zweitens Ablehnungs-, Resignations- und Ohnmachtsreaktionen im Hilfesystem wiederholt aktiviert und reproduziert. Die in einem früheren Blogbeitrag analysierte Fallgeschichte „Milan“ veranschaunlicht diese wechselseitige Dynamik. Echte Systemsprengungsphänomene in der Kinder- und Jugendhilfe sind oftmals durch schwere psychische Belastungen junger Menschen charakterisiert und erzählen immer zugleich eine Sozialgeschichte des bisherigen Scheiterns und der Beziehungsabbrüche in den Hilfeinstitutionen.

Der Psychoanalytiker Donald Winnicott interpretiert das ‚antisoziale‘ Verhalten von Kindern und Jugendlichen als Hinweis auf Hoffnung (Winnicott 1983: 234). In seiner Beschreibung der Psychodynamik dissozialer Tendenzen macht Winnicott darauf aufmerksam, dass Stehlen und destruktive Zerstörung von Kindern als unbewusste Wünsche zur Wiederherstellung von Bindung und Sicherheit durch geliebte Bindungspersonen verstanden werden können. Für Winnicott ist die dissoziale Tendenz mit einem ursprünglichen Beziehungsverlust verbunden. Ein Zustand, der vom Kind als gut und emotional wichtig erlebt wurde ist verloren gegangen – die Liebe zu einer Bindungsperson, in der Regel die Mutter.  „Das Kind, das einen Gegenstand stiehlt, sucht nicht den gestohlenen Gegenstand, sondern die Mutter, auf die es ein Recht hat.“ (ebd. 237) In den zerstörerischen Eskalationen zeige sich „(…) eine Suche nach einer Eigenschaft der Umwelt, die verlorengegangen ist, einer menschlichen Haltung, die durch ihre Zuverlässigkeit dem Individiuum die Freiheit gibt, sich zu bewegen, zu handeln und sich zu erregen.“ (ebd. 236). Unbewusst inszeniert das Kind nach Winnicott demnach durch das Stehlen seinen legitimen Anspruch auf die Fürsorge und Liebe der Mutter, während es durch Provokationen sowohl seine aggressiven Impulse ausagiert und nach deren Einhegung sucht. Gelingt die Einhegung und die Reintegration von Bindungssuche und Aggression durch neue stabile Bindungen nicht, dehnen dissoziale Kinder und Jugendliche die Suche nach einem stabilen Rahmen auf Wohnort, Polizeireviere und letztlich das Gesetz aus und provozieren durch Eskalationen, dass man sich auf diese Weise um sie ‚kümmert‘ (ebd.: 234, 236).

Diese unbewusste Dynamik dissozialen Verhaltens zeigt sich exemplarisch auch in einer besonderen Szene, die im Fall „Milan“ beschrieben ist. In einer Episode der Fallgeschichte wird der Versuch unternommen den Jungen bei der Kindesmutter unterzubringen. In der Folge kommt es jedoch schnell zu massiven Eskalationen durch Milan, in deren Folge die Mutter die weitere Unterbringung bei sich ablehnt. In Gesprächen mit Fachkräften beschrieb die Mutter, dass sie Milan keine körperliche Geborgenheit gewähren und seine „Versuche sich ihr anzunähern nicht ertragen“ könne (Bauer und Jauch 2023: 123 ff.). Die Abwehr der Zuneigungswünsche und emotionalen Versorgungswünsche durch die Kindesmutter stellt für Milan eine schwere Zurückweisung und Kränkung dar, die zu einer Entfesselung massiver Aggression und Destruktivität im Rahmen einer neuerlichen Inobhutnahme führt. In einer Szene werden die hilflosen Botschaften der Zerstörung an die Mutter und das unbewusste Provozieren einer stabilen und fürsorglichen Umgebung ersichtlich. Milan filmt sich, wie er eine massive Tür eintritt und erklärt in die Kamera: „Mama, jetzt siehst du was passiert, wenn ich nicht bei dir leben kann.“ (ebd. 124)

Was hier durch Milans Zerstörung und Gewalt hindurchschimmert, ist ein unbewusster Wunsch nach einer Sicherheit und Geborgenheit gebenden Mutter, der für Milan jedoch nicht Erfüllung geht und scheitert. Zugleich lässt sich in der gesamten Falldynamik erkennen, dass sich Milan immer wieder auf Hilfeangebote als Hoffnung auf Fürsorge und Stabilität einlässt, auch wenn er diese immer wieder eskalativ und zerstörerisch nutzen (muss). Die unbewusste und implizite Hoffnung der jungen Menschen auf Versorgung, Halt und Stabilität ist aus meiner Sicht damit ein dritter Aspekt von Systemsprengungsdynamiken in der Kinder- und Jugendhilfe. Solange sich diese jungen Menschen in den Hilfeangeboten der Kinder- und Jugendhilfe bewegen und immer neue Anläufe auf Hilfe und Unterstützung wagen, solange haben sie wenigstens unbewusst noch Hoffnung.

Fazit
Systemsprenger und Systemsprengungsdynamiken lassen sich in meinem Verständnis zusammenfassend durch drei zusammenhängende Aspekte charakterisieren: 1) schwerwiegende psychische Belastungen und Beeinträchtigung dieser Zielgruppe, 2) Spirale negativer und eskalierender Kommunikation zwischen jungen Menschen und Hilfesystemen sowie 3) eine implizite Hoffnung dieser jungen Menschen auf Stabilität, die sich in immer neuen Hilfeanläufen ausdrückt. Erst wenn sich die jungen Menschen vollständig aus Hilfeangeboten zurückziehen, werden sie zu wirklich Gesprengten, wie die vielen Tausend wohnungslosen und obdachlosen Jugendlichen, die sich auf den Couches von Bekannten und auf der Straße durchschlagen. Solange die jungen Menschen noch Angebote sprengen und die Unzulänglichkeit von Hilfemaßnahmen aufzeigen, besteht Hoffnung. Damit diese Hoffnung auf Stabilität Realität werden kann, muss sich die Jugendhilfe grundlegend reformieren und mehr Angebote für besonders schwierige, durch unpassende Maßnahmen mit verursachte, Hilfeverläufe schaffen, um die Spirale der Hilfe- und Beziehungsabbrüche zu beenden (Groen und Weber 2023). Fachkräfte hingegen benötigen ein dickes Fell und emotionale Offenheit, um sich auf diese schwerstbelasteten und hoffnungslos hoffnungsvollen jungen Menschen immer wieder ernsthaft einzulassen (Schmid und Kind 2017).

Literatur

Bauer, Kerstin; Jauch, Lena (2023): „Milan“ – Eine Falldarstellung der Berliner Koordinierungsstelle. In: Gunter Groen und Jack Weber (Hg.): Krisenhafte Verläufe in den Erziehungshilfen. Kooperationen, Risikopartnerschaften, Verantwortungsgemeinschaften. Weinheim: Beltz Verlagsgruppe, S. 106–130.

Baumann, Menno (2021): Systemsprenger zeigen auf, wo das Jugendhilfesystem reformbedürftig ist. In: Daniel Kieslinger, Marc Dressel und Ralph Haar (Hg.): Systemsprenger*innen. Ressourcenorientierte Ansätze zu einer defizitären Begrifflichkeit. 1. Auflage. Freiburg: Lambertus Verlag (Beiträge zur Erziehungshilfe, 49), S. 58–71.

Baumann, Menno; Macsenaere, Michael (2021): Bis an die Grenzen und einen Schritt weiter. Aktueller Forschungsstand zur Jugendhilfe mit riskant agierenden jungen Menschen und „Systemsprengern“. In: UJ 73 (6), S. 242–251.

Bolz, Tijs; Albers, Viviane; Baumann, Menno (2019): Professionelle Beziehungsgestaltung in der Arbeit mit „Systemsprengern“. In: UJ 71 (7+8), S. 297–304. DOI: 10.2378/uj2019.art49d.

Dörr, Margret (2017): Überlegungen zum diagnostischen Fallverstehen in der psychoanalytisch-sozialpädagogischen Praxis mit als psychisch krank geltenden Menschen. In: Annelinde Eggert-Schmid Noerr, Wilfried Datler, Urte Finger-Trescher, Johannes Gstach, Dieter Katzenbach und Michael Wininger (Hg.): Zwischen Kategorisieren und Verstehen. Diagnostik in der psychoanalytischen Pädagogik. Unter Mitarbeit von Judith Barth-Richtarz, Stephan Cinkl, Renate Doppel, Helmuth Figdor, Alexandra Horak, Christoph Kleemann et al. Originalausgabe. Gießen: Psychosozial-Verlag (Jahrbuch für psychoanalytische Pädagogik, 25), S. 173–190.

Groen, Gunter; Weber, Jack (Hg.) (2023): Krisenhafte Verläufe in den Erziehungshilfen. Kooperationen, Risikopartnerschaften, Verantwortungsgemeinschaften. Weinheim: Beltz Verlagsgruppe.

Schleiffer, Roland (2013): Verhaltensstörungen. Sinn und Funktion. 1. Aufl. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme-Verl.

Schmid, Marc; Kind, Nina (2017): Folgen von Grenzverletzungen an sozialpädagogischen Fachkräften in stationären Settings. „Bekomme ein dickes Fell und bewahre dir ein empfindsames Herz“. In: UJ 70 (1), S. 11. DOI: 10.2378/uj2018.art03d.

Winnicott, Donald W. (1983): Die antisoziale Tendenz. In: Donald W. Winnicott (Hg.): Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. Aus den „Collected Papers“. Ungekürzte Ausg. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verl. (Fischer Taschenbücher Geist und Psyche, 42249), S. 230–243.

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