Professionelles Handeln von Sozialarbeitenden ist Handeln in Beziehungen zu Adressat:Innen. Neben dem institutionellen Rahmen und einrichtungsspezifischen Settings sind professionelle Arbeitsbeziehungen in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe auf der Beziehungsebene durch Verhältnisse von Nähe und Distanz bestimmt. In einer professionalisierungstheoretischen Perspektive ist die gekonnte Handhabung und Gestaltung von Nähe und Distanz zu Adressat:Innen eine der Kernkompetenzen des professionellen Handelns von Sozialarbeitenden. Das zentrale Merkmal professioneller Arbeitsbeziehungen ist die widersprüchliche Einheit von diffusen und spezifischen Beziehungsanteilen (Gumbinger 2022: 234 ff.; Oevermann 2013: 123 ff.). Professionelle Arbeitsbeziehungen sind intim und sachlich-distanziert zugleich, insofern Adressat:Innen und Sozialarbeitende einerseits in einem Austausch und Kontakt zu persönlichen Themen stehen. Dies erzeugt Nähe und Intimität. Andererseits findet der Kontakt in einem beruflichen Rahmen statt. Sozialarbeitende adressieren Adressat:Innen als ganze Personen und involvieren sich auf der Beziehungsebene als ganze Person in die krisenhaften Lebensthemen der Adressat:Innen. Dies geschieht aber immer in der Rolle als berufliche Fachperson, die Adressat:Innen bei der Bearbeitung und Bewältigung von Lebensproblemen unterstützt. Diese Einheit von persönlicher Intimität und sachlichem Rahmen erzeugte eine produktive Spannung, in der Adressat:Innn ein Raum für die persönliche Veränderung und Entwicklung eröffnet wird.
Burkhard Müller hat in Bezug auf die Möglichkeit professioneller Beziehungen in den stationären Erziehungshilfen die These aufgestellt, dass Grenzverletzungen und disziplinierende Distanzierungen von Fachkräften in der Heimerziehung weniger Ausdruck machtorientierten Handelns sondern Folge unbearbeiteter Nähe in den pädagogischen Beziehungen sei (Müller 2012: 147). Insbesondere die Beziehungen in den stationären Erziehungshilfen sind von großer Nähe geprägt. Ob im Schichtdienst oder im Falle von innewohnenden Sozialarbeitenden, Fachkräfte in den stationären Erziehungshilfen betreuen und gestalten den Wohn- und Lebensalltag junger Menschen und sind deshalb ein wichtiger Bestandteil von deren Lebensrealität. PädagogInnen in den stationären Hilfen fungieren in den Beziehungen zu Kindern und Jugendlichen als Projektionsfläche für Bindungswünsche und werden oftmals Teil unbewusster Übertragungsdynamiken erlebter Beziehungen der jungen Menschen. Dies gilt insbesondere für junge Kinder, die entwicklungspsychologisch noch nicht zur vollständig rollenförmigen Gestaltung von Beziehungen fähig sind und deshalb emotionale Zuwendungswünsche und Bindungsbedürfnisse in die pädagogischen Beziehungen implizit oder offen hineintragen. Die große persönliche Nähe in den Beziehungen drückt sich in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe etwa in der verbreiteten Kultur des Duzen‘s oder auch in körperlichen Annäherungen wie Umarmungen, die von den jungen Menschen ausgehen, aus.
Stationäre Erziehungshilfen wie Kinder- und Jugendwohngruppen sind als Erziehungsverhältnisse zwischen Kindern und Erwachsenen zugleich durch Asymmetrien bestimmt. Wie Eltern verfügen auch Fachkräfte in der Heimerziehung durch Handlungsmittel wie Versorgung, Zuwendung, Orientierungsressourcen, körperliche Stärke und Sanktionsmittel über Machtpotenziale gegenüber Kindern und Jugendlichen (Wolf 2010). Im Unterschied zu privaten Erziehungskontexten, in denen Eltern gemäß ihrer persönlichen Erziehungsvorstellungen frei agieren können, solange sie ihren Kindern keinen ernsthaften Schaden zufügen, müssen pädagogische Fachkräfte den Einsatz von Machtmitteln professionell begründen können. Machtmittel sind etwa nicht zur Strafe oder Disziplinierung zu verwenden, sondern müssen als pädagogische Werkzeuge einen echten Beitrag zur individuellen Förderung von Teilhabe und Entwicklung der jungen Menschen leisten. Diese grundlegende Subjektorientierung und pädagogische Individualisierungsperspektive (Wolf 1995) steht in einem Spannungsverhältnis zur Alltags- und Regelorientierung institutionell-organisationaler Abläufe in den stationären Erziehungshilfen. Richten PädagogInnen ihr Handeln weniger an der emotionalen Beziehungsgestaltung und stärker an Regeln aus, kann das dazu führen, dass Fachkräfte in Konflikten verbaler und körperlicher Auseinandersetzung zwischen jungen Menschen schnell mit Konsequenzen drohen statt ‚gute Gründe‘ wie Kränkung und Enttäuschung des Problemverhaltens zu eruieren und Konflikte emotional zu klären (Ackermann 2022: 106 ff.). Insbesondere aufgrund der großen emotionalen Nähe und persönlichen Intimität können professionelle Beziehungen in den stationären Erziehungshilfen gerade in Konflikten leicht in eine destruktive Distanz gegenüber jungen Menschen umzuschlagen, wenn emotionale Nähe und persönliche Identifikation zu den jungen Menschen von Fachkräften nicht angemessen reflektiert werden.
Ich möchte das im Folgenden an einer Szene veranschaulichen, die einem Beobachtungsprotokoll des erziehungswissenschaftlich-pädagogischen Fallportals der Universität Halle-Wittenberg entnommen ist.
Analyse einer Szene unbearbeiteter Nähe
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Als die Erzieherin Tina ihren Dienst beginnt, kommt sie in die Küche, wo einige Kinder beim Mittagessen sitzen. Sie fokussiert Patrick und eröffnet ihm, dass sie mit ihm „ein Hühnchen rupfen“ wolle. Sie berichtet ihm, dass sie einen Anruf von seinem Fußballtrainer bekommen habe, der ihr erzählt hätte, dass Patrick ein anderes Kind im Streit verbal angegriffen und bedroht habe. Als Patrick lautstark abstreitet, dies getan zu haben, hält Tina ihm eine Standpauke. Sie sei enttäuscht von seinem ständigen negativen Verhalten.
Tina: „Ich hab dich echt lieb, aber wenn du so weitermachst dann landest du irgendwann im Jugendarrest. Willst du das, Patrick? Das können wir gerne für dich organisieren, so ein paar Nächte in `ner Zelle. Man, du bist doch ein cleverer Junge, du hast richtig was im Kopf. Du spielst super Fußball, aber dein Verhalten geht mir echt auf den Sack. Ich hab` keine Lust mehr solche Anrufe zu bekommen, ehrlich.“
Patrick lässt die Ansage über sich ergehen, während er in seinem Essen herumstochert, besteht aber auch als Tina fertig ist darauf, dass er es nicht gewesen ist. Einige Minuten später kommt er mit seinem Schwimmabzeichen hinter dem Rücken zu Tina.
Patrick: „Rate mal, was ich heute bekommen hab!“
Tina: „`N Arsch voll? `Ne Rute vom Weihnachtsmann?“
Patrick hält den Kopf gesenkt und antwortet leise: „Nein.“
Tina: „Na dann sag mal.“
Er holt das Schwimmabzeichen hinter seinem Rücken vor und sagt: „Mein Bronze!“
Tina: „Na immerhin mal was erfreuliches.“
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Die Erzieherin Tina hält dem Jungen Patrick, der beim Fußballtraining ein anderes Kind bedroht haben soll, ‚eine Standpauke‘. Wie ist die Reaktion der Erzieherin zu charakterisieren? Und wie ist sie im Hinblick auf die pädagogische Aufgabe der Entwicklungsförderung junger Menschen zu bewerten? Das Handeln der Erzieherin setzt mit einem Verweis auf die Beziehung zum Jungen ein, die von echter persönlicher und emotionaler Zuneigung bestimmt ist („ich habe dich echt lieb“). Im gleichen Satz zeigt die Erzieherin Patrick die Folgen seines vermeintlichen Fehlverhaltens auf, in dem sie auf das Zukunftsszenario eines möglichen Jugendarrestes verweist und ihm sogar die Einrichtung eines Arrests zu pädagogischen Zwecken androht. Die Erzieherin drückt anschließend ihren Ärger über die Schilderungen von Patrick’s Trainer direkt aus („Dein Verhalten geht mir auf den Sack“, „Ich habe keine Lust mehr solche Anrufe zu bekommen“). Patrick bemüht sich anschließend die Gunst der Erzieherin zurückzuerlangen, in dem er ihr sein Schwimmabzeichen zeigen will. Die Erzieherin reagiert darauf zunächst mit einer Fortführung der Bedrohungs- und Bestrafungsfantasien („‘N Arsch voll? ‚Ne Rute vom Weihnachtsmann?“). Als Patrick ihr sein Schwimmabzeichen in Bronze zeigt, kann sich die Erzieherin immerhin eine kleine positive Reaktion abringen.
An der Szene sind verschiedene Aspekte auffallend. Erstens ist bemerkenswert, dass die Erzieherin Patrick’s Fehlverhalten als gegeben voraussetzt, was einer Vorverurteilung gleichkommt. Zweitens gibt Tina Patrick nicht die Gelegenheit seine Sichtweise zum vermeintlichen Konflikt mit dem Jungen beim Training zu schildern. Es findet keine Besprechung, Einordung und Klärung der Konfliktsituation statt. Die Erzieherin betreibt drittens auf der Beziehungsebene eine direkte Entladung ihrer persönlichen Frustration über Patricks Fehlverhalten durch drastische Formulierungen ihres Ärgers. Die Frustäußerungen der Erzieherhin steigern sich viertens zu bedrohlichen Straffantasien, die Patrick als potenzielle Zukunftsszenarien in Aussicht gestellt werden.
Stellt man sich die Frage, wie es Patrick in der Situation geht, kann man die Hypothese entwickeln, dass die Reaktion der Erzieherin Schuldgefühle bei Patrick weckt und eine Verleugnung seines Fehlverhaltens begünstigt. Problematisch an der Reaktion der Erzieherin ist nämlich weniger das Tadeln von Patricks vermeintlichem Fehlverhalten beim Training als vielmehr die Beziehungsbotschaft, die die Erzieherin implizit aussendet. In dem die Erzieherin sagt „Ich habe dich echt lieb“, um anschließend zu ihrer heftigen Standpauke anzusetzen, sagt sie eigentlich „Ich habe dich echt lieb, aber nur wenn du keinen Ärger machst.“ Die anschließende Distanzierung in der Beziehung, die zwischen den Zeilen des Protokolls spürbar wird, stellt einen potenziellen Entzug von Zuwendung und Zuneigung zu dem Jungen dar. Für Patrick deutet sich in der Distanzierung ein potenzieller Verlust der Beziehung und Liebe zur Erzieherin an, den er vermeiden will. Um die Beziehung zu ‚retten‘ und den Zuneigungsverlust Erzieherin zu verhindern, bleibt Patrick eigentlich nur die Tat zu leugnen, was er auch tut. Die Tat zuzugeben würde gemäß dem impliziten Beziehungshandeln der Erzieherin bedeuten, die Beziehung zu ihr zu riskieren. Folgerichtig entscheidet sich Patrick dazu die Zuwendung der Erzieherin zurückzuerlangen, in dem er auf sein positives Verhalten und seine Leistung beim Schwimmen mit dem Abzeichen aufmerksam macht, die seine Erzieherin immerhin etwas besänftigt.
Fazit
Das implizite Beziehungshandeln der Erzieherin führt dazu, dass eine Besprechung, Reflexion und Klärung des eigentlichen Konflikts beim Fußballtraining geradezu vermieden wird. Statt mit Patrick in die Auseinandersetzung zu gehen, was in ihm gefühlsmäßig vor sich ging und welche Affekte sein vermeintliches Bedrohungshandeln produzierten, wird der Konflikt selbst als wichtige Sachthematik tabuisiert. Die Erzieherin verpasst damit die Chance ihre gute Beziehung zu Patrick zu nutzen, um ihm zu zeigen, dass man Fehlverhalten eingestehen, Wege der Wiedergutmachung besprechen und Möglichkeiten der Konfliktprävention entdecken kann. Stattdessen zeigt Patrick sein Schwimmabzeichen vor, um die Zuneigung seiner Erzieherin zurückzugewinnen. Auf der Beziehungsebene hat Patrick damit indirekt gelernt, dass er massives Fehlverhalten durch Leistung kompensieren kann. In Bezug auf den Konflikt und seine Bewältigung hat Patrick damit jedoch nichts gelernt.
Siegfried Bernfeld hat bereits 1925 darauf hingewiesen, dass Pädagog:Innen immer zugleich als Pädagog:Innen und als Kind, das sie waren und wurden, anwesend sind (Bernfeld 1925: 32 ff.). Professionelle Nähe erfordert von Pädagog:Innen sowohl biografische als auch beziehungsdynamische Verstrickungen in pädagogischen Handlungssituationen zu reflektieren. Es ist diese Reflexion, die eine professionelle Doppelbewegung ermöglicht: sich einerseits in den Beziehungen zu jungen Menschen emotional berühren zu lassen und gleichzeitig die eigene persönliche Reaktion zu kontrollieren, in dem innere Handlungsimpulse und Reaktionen reflektiert werden. Professionelle Nähe zeigt sich im Unterschied zu unbearbeiteter Nähe darin, dass Pädagogische Handeln mittels Reflexion immer wieder in ein begriffenes Tun zu überführt wird (Schäfer und Behnisch 2023: 215 ff.). Auf diese Weise können PädagogInnen innere Affekte und Handlungsimpulse einordnen und verdauen, um emotionale Überreaktionen auf der Beziehungsebene zu vermeiden und die Förderung individueller Entwicklung als das vermittelnde Dritte der pädagogischen Beziehung immer wieder in den Blick zu nehmen (vgl. Schrödter 2016).
Literaturverzeichnis
Schrödter, Mark (2016): Pädagogische Beziehungsarbeit unter Bedingungen des Zwangs am Beispiel des Time- Out- Raums. In: Jugendhilfe (1), S. 44–50.
Wolf, Klaus (2010): Machstrukturen in der Heimerziehung. In: Neue Praxis (6), S. 539–557.