Ausgehend von professionstheoretischen Überlegungen handeln Sozialarbeitende als Professionelle immer im Kontext der fortlaufenden Aushandlung von Arbeitsbündnissen, die auf Kompetenzzuschreibung und Vertrauensvorschuss durch die Klienten basieren (Schütze 1996: 184). Die Zuschreibung von Kompetenz und der Vertrauensvorschuss gegenüber Sozialarbeitenden gründet in deren Expertenstatus und ihrer staatlichen Befugnis, Menschen in psychosozialen Problem- und Krisenlagen Hilfe anzubieten. Zugleich beinhaltet die grundlegende Kommunikationsbasiertheit aller Unterstützungsmaßnahmen, dass der Vertrauensvorschuss in ein vertrauensbasiertes Arbeitsbündnis überführt und fortlaufend erhalten werden muss. Hierbei ist insbesondere das Mehrwissen der Professionellen über Risiken und erwartbare Verlaufsentwicklungen so darzustellen, dass es an die Lösungsperspektiven und den Veränderungswillen der Klienten anschließt. Die Problemanalyse der Professionellen muss sich deshalb immer wieder der Plausibilitäts- und Relevanzprüfung der Klienten unterziehen. Verzichten Sozialarbeitende auf diese Fremdkontrolle ihres Fachwissens drohen eine Schematisierung der Problembearbeitung, die an der Problemlage des Klienten vorbeigeht oder gerät der Professionelle gar zu einer bedrohlichen Kritikinstanz (Schütze 1992: 153 ff.).
Langzeit-IONs von herausfordernden Jugendlichen mit komplexen Problembedarfen sind für die Fachkräfte in Notdiensten häufig mit wiederkehrenden massiven Eskalationen und Konflikten verbunden. Auch die Bearbeitung dieser akuten Krisen und Konflikte innerhalb der ION erfordert von den Fachkräften eine „stellvertretende Krisendeutung“ (Oevermann 2008, 2013), die auf Klärung des Konfliktes sowie Prävention, Entschärfung und Deeskalation zukünftiger Eskalationen gemeinsam mit den Jugendlichen zielen muss. Empirische Studien zu Hilfeplangesprächen zeigen jedoch, dass Probleme und Konfliktthemen von Sozialarbeitenden in gemeinsamen Gesprächen mit Jugendlichen häufig gerade nicht direkt angesprochen werden, sondern rhetorische Mittel wie neutrale Formulierungen, Relativierungen, unkonkrete Beschreibungen, versteckte Verantwortungszuschreibungen eingesetzt werden, um die fragile Spannung zwischen Defizitbenennung auf der Sachebene und Vertrauenserhalt auf der Beziehungsebene zu balancieren (Hitzler und Messmer 2008; Messmer 2012, 2017).
Diese verbreitete Konfliktvermeidungsstrategie ist für die Bearbeitung von Krisen und Konflikten mit Jugendlichen in der ION jedoch ungeeignet, weil ungeklärte Konflikte sich chronifizieren und in eine vergiftete Atmosphäre münden können. Gerade die wiederkehrenden Akutkrisen von Jugendlichen während langer IONs können bei Fachkräften schnell zu Zynismus und Resignation führen, die hilfsbedürftige Jugendliche dann als bösartig, gestört oder gefährlich einschätzen (Baierl 2016: 80 ff.). Die implizite Degradierungsgefahr der Fallkategorisierung (Hitzler und Messmer 2008: 248 ff.), die immer ein Defizit feststellt, gerät dann zur tatsächlichen Degradierung, weil die Professionellen ihre Kritik am Verhalten der Jugendlichen nicht mehr wertschätzend und an deren Wohl orientiert artikulieren. Begründete Fachurteile und wissensbasierte Falleinschätzungen beinhalten immer Interventions- und Lösungsperspektiven, wenigstens als impliziter Möglichkeitshorizont. Aussagen und Haltungen wie ‚Der hat keinen Bock‘, ‚Die landet sowieso auf der Straße‘, ‚Der braucht keine Hilfe‘, ‚Die macht was sie will‘, ‚Der ist gestört‘ usw. sind in diesem Sinn keine Fallurteile, sondern vielmehr Bestandteil eines rhetorischen „Dämonisierungskorridors“ (Höllmüller 2013: 133 ff.), der sich immer weiter zuspitzt und in dem man die Jugendlichen als hoffnungslose Fälle schließlich emotional aufgibt. Die Fachkräfte haben sich damit implizit oder explizit sowohl aus der Problemanalyse als auch dem Arbeitsbündnis zurückgezogen.
Wie können Fachkräfte produktive Arbeitsbündnisse zu Jugendlichen wider resignative Tendenzen erhalten?
Versteht man Soziale Arbeit als Beziehungsprofession müssen Sozialarbeitende gerade in der ION aktiv in das Vertrauen und die Zuversicht der Jugendlichen investieren, weil nur ernsthaftes Vertrauen die umfassende Mitarbeit von Klienten herzustellen vermag (Gahleitner 2017: 297 ff.). Die Durchsetzung von Konsequenzen wie Beschränkungen und Verbote bei massivem Fehlverhalten und Regelverletzungen von Jugendlichen sollten von pädagogischen Zielen innerhalb eines echten Beziehungsangebotes getragen sein, die Bildungsprozesse im Sinne von Entwicklungsförderung und Selbstentfaltung der Jugendlichen verfolgen (Schrödter 2016). Zwangsmaßnahmen etwa sollten mit Wertschätzung für die Person, also einer positiven Beziehung einhergehen (Bruns und Günter 2021; Rauh 2017) und sind immer nachzubesprechen (Papenberg 2006; Schmid et al. 2015). Nur so kann der Spagat zwischen der Kritik und Begrenzung problematischen Verhaltens und der Wertschätzung des jungen Menschen, der in seiner Veränderung und Entwicklung gefördert werden soll, gelingen (Baierl 2017: 64 ff.).
Literatur
Baierl, Martin (2016): Dir werde ich helfen: Konkrete Techniken und Methoden der Traumapädagogik. In: Martin Baierl und Kurt Frey (Hg.): Praxishandbuch Traumapädagogik. Lebensfreude, Sicherheit und Geborgenheit für Kinder und Jugendliche. 3., unveränderte Auflage. Göttingen, Bristol: Vandenhoeck & Ruprecht (Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie Pädagogik), S. 80–107.
Baierl, Martin (2017): Herausforderung Alltag. Praxishandbuch für die pädagogische Arbeit mit psychisch gestörten Jugendlichen. 5., überarbeitete und ergänzte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Online verfügbar unter http://doi.org/10.13109/9783666491665.
Bruns, Georg; Günter, Michael (2021): Zur Entstehung, Theorie und Praxis der psychoanalytischen Sozialarbeit. In: PSYCHE 75 (9-10), S. 764–799. DOI: 10.21706/ps-75-9-764.
Gahleitner, Silke Birgitta (2017): Soziale Arbeit als Beziehungsprofession. Bindung, Beziehung und Einbettung professionell ermöglichen. 1. Auflage. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.
Hitzler, Sarah (2012): Aushandlung ohne Dissens? Praktische Dilemmata der Gesprächsführung im Hilfeplangespräch. Zugl.: Bielefeld, Univ., Diss., 2010. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH Wiesbaden.
Hitzler, Sarah; Messmer, Heinz (2008): Gespräche als Forschungsgegenstand in der Sozialen Arbeit. Zeitschrift für Pädagogik 54 (2008) 2, S. 244-260. In: Zeitschrift für Pädagogik 54. DOI: 10.25656/01:4350.
Höllmüller, Hubert (2013): Der Begriff „Handlungswissenschaft“ in der Sozialen Arbeit – eine wissenschaftstheoretische und wissenschaftspraktische Kritik. In: Bernd Birgmeier und Eric Mührel (Hg.): Handlung in Theorie und Wissenschaft Sozialer Arbeit. Wiesbaden: Springer VS (Research), S. 125–140.
Messmer, Heinz (2012): Moralstrukturen professionellen Handelns. In: Soz Passagen 4 (1), S. 5–22. DOI: 10.1007/s12592-012-0099-x.
Messmer, Heinz (2017): Der Beitrag der Konversationsanalyse zu einem realistischen Hilfeverständnis. In: Hanna Weinbach, Thomas Coelen, Bernd Dollinger, Chantal Munsch und Albrecht Rohrmann (Hg.): Folgen sozialer Hilfen. Theoretische und empirische Zugänge. 1. Auflage. Weinheim, Basel: Beltz Juventa, S. 79–92.
Oevermann, Ulrich (2008): Profession contra Organisation? Strukturtheoretische Perspektiven zum Verhältnis von Organisation und Profession in der Schule. In: Werner Helsper, Susann Busse, Merle Hummrich und Rolf-Torsten Kramer (Hg.): Pädagogische Professionalität in Organisationen. Neue Verhältnisbestimmungen am Beispiel der Schule. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden (Studien zur Schul- und Bildungsforschung, 23), S. 55–78.
Oevermann, Ulrich (2013): Die Problematik der Strukturlogik des Arbeitsbündnisses und der Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung in einer professionalisierten Praxis von Sozialarbeit. In: Roland Becker-Lenz, Stefan Busse, Gudrun Ehlert und Silke Müller-Hermann (Hg.): Professionalität in der Sozialen Arbeit. Standpunkte, Kontroversen, Perspektiven. 3., durchgesehene Auflage. Wiesbaden: Springer VS (Edition Professions- und Professionalisierungsforschung, Band 2), S. 119–147.
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Rauh, Bernhard (2017): Verwicklung, Containment, Abstinenz. In: Bernhard Rauh (Hg.): Abstinenz und Verwicklung. Annäherungen in Theorie, Forschung und Praxis. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich (Schriftenreihe der Kommission Psychoanalytische Pädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGFE), Band 7), S. 7–21.
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Schrödter, Mark (2016): Pädagogische Beziehungsarbeit unter Bedingungen des Zwangs am Beispiel des Time- Out- Raums. In: Jugendhilfe (1), S. 44–50.
Schütze, Fritz (1992): Sozialarbeit als „bescheidene“ Profession. In: Bernd Dewe (Hg.): Erziehen Als Profession. Zur Logik Professionellen Handelns in Pädagogischen Feldern. Unter Mitarbeit von Wilfried Ferchhoff und Frank-Olaf Radtke. Wiesbaden: VS Verlag fur Sozialwissenschaften GmbH, S. 132–170.
Schütze, Fritz (1996): Organisationszwänge und hoheitsstaatliche Rahmenbedingungen im Sozialwesen: Ihre Auswirkungen auf die Paradoxien des professionellen Handelns. In: Arno Combe und Werner Helsper (Hg.): Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. 9. Auflage 2017. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1230), S. 183–275.