Matthias Euteneuer (Euteneuer 2018: 290) definiert die moderne Familienerziehung entlang von vier Merkmalen: exofamiliale Existenzsicherung, Privatisierung, Pädagogisierung und Intimisierung. Die exofamiliale Existenzsicherung und die gleichzeitige Privatisierung der modernen Familien impliziert die relative Autonomie familiärer Binnenkommunikation gegenüber der gesellschaftlichen Umwelt bei gleichzeitiger Abhängigkeit von gesellschaftlichem Erwerbssystem und Ökonomie. Für das Erziehungshandeln von Eltern gegenüber Kindern sind vor allem die Pädagogisierung und Intimisierung familiarer Bezieungs- und Kommunikationsverhältnisse bedeutsam. Die Pädagogisierung ergibt sich daraus, dass die Erziehung von Kindern nicht nur als Recht, sondern auch als Pflicht festgelegt ist. Auch aus diesen Pflichten ergeben sich für Familien gesellschaftliche Abhängigkeiten, etwa durch die Pflicht den Schulbesuch von Kindern sicherzustellen. Für das Erziehungshandeln innerhalb der Familie ist jedoch maßgeblicher, dass es eingebunden ist in eine Intimitätsstruktur hochgradig emotionaler und leiblich fundierter Beziehungen mit hoher Interaktionsdichte und wechselseitige Sorgenorientierungen (vgl. Ecarius 2011: 14).
Es ist insbesondere die Intimitätsdimension der Familienerziehung, die dem pädagogischen Handeln von Eltern seine spezifisch moderne Logik verleiht. Dies soll an einer Beschreibung des Erziehungshandelns einer Pflegemutter veranschaulicht werden (vgl. Wolf 2014: 80):
„Eine Pflegemutter in einer Erziehungsstelle berichtet folgende Erfahrung: Der in ihrer Familie lebende 5-jährige Junge ist krank, er hat hohes Fieber. Nachts kommt er alle halbe Stunde jammernd in ihr Schlafzimmer, er kann nicht schlafen, alles tut weh, er träumt schlecht. Sie gibt ihm ein Medikament, bringt ihn wieder in sein Bett, bleibt am Bett sitzen bis er wieder eingeschlafen ist. Kaum ist sie wieder eingeschlafen, steht er wieder an ihrem Bett. Das machen sie ein paar Mal. Schließlich darf er zu ihr ins Bett kriechen, der Mann muss ein bisschen rücken, dann reicht der Platz für die drei. Das fiebrige Kerlchen kuschelt sich an sie und schläft ein paar Stunden am Stück, endlich.“
Diese Szene verdeutlicht die besondere körperliche Qualität familiärer Beziehungen. Nach einigen Versuchen der Pflegemutter den Jungen wieder in sein Bett zu bringen, erlaubt sie ihm den Zugang in das elterliche Bett, wo er sich an sie kuschelt und schließlich einschläft. Das Bemerkenswerte an dieser Szene ist jedoch das mütterliche Erziehungshandeln, in dem sich die Typik des modernen Erziehungshandelns als flexible Orientierung an Regeleinhaltung und der situativen Gewährung von Ausnahmen ausdrückt. Die Pflegemutter beantwortet das Auftauchen des fiebrigen Jungen zunächst mit Praktiken wie Medikament verabreichen, Zurückbringen in das Kinderzimmer und Begleiten des Einschlafens, wobei sie dies mehrfach durchführt. Alle diese Praktiken zielen auf die Wiederherstellung der existierenden Schlafordnung und gewohnten Routine des getrennten Schlafens, die bei einem 5-Jährigen als altersangemessen gelten kann. Erst als der Junge zum wiederholten Male am elterlichen Bett auftaucht, wird die situationsbezogene Ausnahme gewährt und der Junge darf zu seinen Eltern ins Bett schlüpfen.
Es ist die Ausnahme, die sich aus den besonderen Bedürfnissen des Kindes ableitet, die der Familienerziehung ihre moderne Logik verleiht. Wernet hat am Beispiel einer Kindheitserinnerung von Marcel Proust den Unterschied zwischen der vormodernen und modernen Welt der Erziehung veranschaulicht. In der modernen Erziehung haben die Prinzipien der Maßregelung, der Disziplinierung und des Gehorsams „ihre mechanische Geltung verloren“ (Wernet 2020: 122). Das Verlassen dieser Mechanik öffnet überhaupt erst den pädagogischen Raum moderner Erziehung und konstituiert einen Handlungsraum elterlicher Erziehung, der sich zwischen der Erziehungs- und Regelverantwortung der Eltern einerseits und den Ausnahmen andererseits, die kindlichen Willen und steigende Autonomie berücksichtigen, aufspannt. Moderne Familienerziehung ist weder beliebig noch willkürlich, sondern entfaltet innerhalb dieses Möglichkeitsraumes seine Kontingenz.
Der Verlust der disziplinarischen Mechanik in der Erziehung bedingt zum einen die Entstehung von Erziehungskonflikten mit Kindern und beschränkt zugleich die Möglichkeit diese Konflikte qua Autorität, die Einforderung von Gehorsam oder gar körperliche Gewalt, die gesetzlich verboten ist, zu bewältigen. Der „Wandel vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt“ (Ecarius 2007: 145) geht nicht nur mit der Ausdifferenzierung eines komplexen inner- und außerfamilialen Familienlebens, sondern produziert im Umgang von Eltern mit ihren Kindern eine Vielzahl von Praktiken und Techniken elterlichen Erziehungshandeln, die situativ zur Konfliktbewältigung eingesetzt werden. Diese reichen von der schon beschriebenen Gewährung von Ausnahmen, über Lob und Tadel, Belohnung und Bestra-fung, Ermunterung und Kritik, Ab- und Umlenkung, Zuwendung und Beschwichtigung, Ignoranz und Unmutsäußerung, Erläuterung und Endgültigkeit u.v.m.. Kompetente Eltern mit guten Beziehungen zu ihren Kindern verfügen über eine Klaviatur von Handlungsweisen, die es ihnen ermöglichen, Konflikte zu lösen und zu klären. Wo dies nicht gelingt, werden kompetente Eltern Konflikte wenigstens vertagen bzw. isolieren, sodass neben dem Konflikt der Familienalltag mit seinen Situationen, intimen Beziehungskontakten und interessanten Erlebnissen weitergehen kann. Probleme lösen sich dann in der Regel mit der Zeit, wo Familien eine sowohl-als-auch-Orientierung an Konflikt und Normalität zu bewerkstelligen vermögen. Wo jedoch die Implizitheit der intimen, personenbezogenen und sorge-orientierten Alltagsnormalität des Familienlebens erstarrt „und sich der Umgang der Familienmitglieder in der distanzierten Verhaltensmodifikation erschöpft“ (Wolf 2014: 82), droht Familienerziehung zu scheitern.
Literaturverzeichnis
Ecarius, Jutta (2007): Familienerziehung. In: Jutta Ecarius (Hg.): Handbuch Familie. Wiesbaden: VS Verlag fur Sozialwissenschaften GmbH, S. 137–156.
Ecarius, Jutta (2011): Familie, Erziehung und Sozialisation. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (SpringerLink Bücher).
Euteneuer, Matthias (2018): Familie und Familienforschung in der Sozialen Arbeit. Forschungsperspektiven, Forschungsstand und Konturen einer sozialpädagogischen Familienforschung. In: Astrid Wonneberger, Katja Weidtmann und Sabina Stelzig-Willutzki (Hg.): Familienwissenschaft. Grundlagen und Überblick. Wiesbaden: Springer VS (SpringerLink Bücher), S. 281–314.
Wernet, Andreas (2020): Erziehung als Fall. Zur objektiv-hermeneutischen Rekonstruktion erzieherischer Interaktion. In: Arnd-Michael Nohl (Hg.): Rekonstruktive Erziehungsforschung. Wiesbaden, Heidelberg: Springer VS (Rekonstruktive Bildungsforschung Ser, v.20), S. 113–138.
Wolf, Klaus (2014): Sind Pflegefamilien Familien oder Organisationen? In: Anke Kuhls, Joachim Glaum und Wolfgang Schröer (Hg.): Pflegekinderhilfe im Aufbruch. Aktuelle Entwicklungen und neue Herausforderungen in der Vollzeitpflege. Weinheim: Beltz, S. 74–91.